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Die Hebamme in den Urschelberg geholt 2

  Eine mündliche Überlieferung aus Pfullingen von einer alten Frau

Einstmals kam ein kleiner »unterirdischer Mann« nach Pfullingen und bat eine Hebamme, dass sie doch mit ihm gehen und eine Frau im Urschelberg entbinden möchte. Die Hebamme war anfangs nicht geneigt dazu und ging erst zu ihrem Pfarrer und fragte den, ob sie es auch tun dürfe. Als der Pfarrer aber von dem kleinen hübschen Männlein, das mitgegangen war, erfuhr, dass die »Unterirdischen« nicht gebären könnten, wenn nicht ein »Oberirdischer« ihnen helfe, so sagte er, die Hebamme solle nur mitgehen, was sie denn auch sogleich tat. Wie sie nun eine Weile miteinander gegangen waren, so verband das Männlein der Hebamme die Augen und so wurde sie in den Berg geführt, was sie an der veränderten Luft merkte. Alsdann klopfte das Männlein an eine Tür. Die tat sich sogleich auf, und der Hebamme wurde die Binde von den Augen genommen, und man führte sie zu der kreisenden Frau, die sie mit leichter Mühe entband. Darauf wurde das neugeborene Kind auf der Stelle getauft, und zwar in einer unterirdischen Kirche. Die hatte einen Altar und war sehr schön ausgeschmückt. Auch ein besonderer Pfarrer war da, der die Taufe verrichtete.

Hierauf gab der unterirdische Mann der Hebamme drei Briefchen und sagte, es sei ihr Lohn darin, aber sie solle nicht eher danach sehen, bis sie in ihrer Wohnung sei. Dann verband er ihr die Augen und führte sie so über den Schützenhausbach bis zum Armenhaus, woselbst er ihr auf dem Hinweg die Augen verbunden hatte. Da verließ er sie und kehrte um. Die Hebamme aber war neugierig, was die drei Briefchen wohl enthalten möchten, denn sie waren ganz leicht, und konnte es endlich nicht lassen und öffnete einen. Da lag ein Strohhalm darin. Dasselbe enthielt der zweite Brief, weshalb sie alle beide verdrießlich fortwarf. Nur den dritten Brief ließ sie zu und nahm ihn mit, um ihn daheim zum Scherz vorzeigen zu können. Als sie aber in ihrem Haus ihn öffnete, lag ein doppelter Dukaten darin.

Acht Tage später holte der unterirdische Mann sie noch einmal zu der Wöchnerin und stellte sie zur Rede, dass sie seine Geschenke weggeworfen und überhaupt nicht getan, was er ihr gesagt habe. Dann beschenkte er sie beim Weggehn noch einmal mit etwas Unscheinbarem. Das hat sie aber behalten und sich wohl dabei befunden.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852