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Überliefert durch Herrn Pfarrer Meyer in Pfullingen
Bei zwei Frauen in Pfullingen, (im Keßler’schen Haus »auf Wiel« und bei dem sogenannten »Wiel-Weber«) fanden sich regelmäßig an jedem stillen Winterabend zwei Nachtfräulein ein. Die waren klein, zierlich und wunderschön gebaut, hatten glänzende Gesichter und schneeweiße, funkelnde Kleider. Sie setzten sich an die Kunkeln der Weiber und spannen flink die feinsten Fäden; waren aber schweigsam gegenüber den Menschen. Nur unter sich wechselten sie zuweilen einige Worte in kindischer Aussprache. Sobald der Morgen anbrach, gingen sie davon, und man konnte ihr Laternchen bis in die Gegend des Nachtfräuleinloches sehen. Dann war auf einmal alles verschwunden. Der Flachs indes war jedes Mal abgesponnen, wie groß die Kunkeln auch gewesen waren.
Plötzlich aber blieben sie aus. Als Grund davon erzählt man sich Folgendes: Der Wiel-Weber hatte einst Fruchtmangel und klagte diese Not seinem Weibe, als eben die Nachtfräulein da waren. Da bot ihm das eine Fräulein Frucht an, soviel er begehre, jedoch unter der Bedingung, dass er nach der Ernte alles zurückgebe. Nur dürfe das Korn nicht am Sonntag gedroschen sein. Abends standen zwei Säcke voll herrlicher Frucht an der Treppe, und es wusste niemand, wie sie hergekommen waren. Als der Wiel-Weber nun nach der Ernte das entlehnte Korn in denselben Säcken wieder an die Treppe stellte, da blieb es Tage und Wochen lang unberührt stehen.
Endlich kam eine von den beiden Nachtfräulein und sprach, indem sie bitterlich weinte: »Die Frucht sei am Sonntag gedroschen. Sie könne jetzt nimmer zu den Menschen kommen, da man sie betrogen hatte.« Darauf verschwand sie, und seitdem hat man nichts mehr von den beiden Nachtfräulein gesehen. Mit ihnen war aber auch der Segen aus dem Haus gewichen. Der Wiel-Weber hatte wirklich die Frucht am Sonntag gedroschen, und um zu sehen, was darauf erfolgen möge, hatte er damit bis nachts nach 12 Uhr fortgemacht.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852