Die elf Berge bei Potsdam

In die Burg zu Potsdam - die von der Havel und einem breiten Graben umschlossen an der Stelle der jetzigen Heiligengeistkirche lag - waren einmal zur Feier des Osterfestes viele edle Gäste gekommen, darunter elf junge Ritter aus dem Teltow, der Zauche und dem Havellande, welche um die Hand des schönen Burgfräuleins warben. Nachdem das Fest am Gründonnerstag, stillen Freitag und Judas - Samstag durch Rumpelmetten und Processionen vorbereitet, und Ostereier, Mohnstriezeln, Mohnpielen und Mohnfladen am heiligen Abend verzehrt waren, hatte sich die ganze Gesellschaft am Ostermorgen auf die Zinnen des Schlosses begeben, um die Sonne bei ihrem Aufgange tanzen zu sehen.

Die ganze Nacht war es unruhig in der Stadt und im Schlosse, die Frauenzimmer machten sich vor Sonnenaufgang heimlich und stillschweigend bereit, das Osterwasser zu schöpfen, das, der Sage nach, nie verdirbt, auch den, der sich damit wäscht, hübsch macht, eine blühende Farbe gibt und alle Sommersprossen, Leberflecke und Mahle vertreibt. Die jungen Leute - aber hatten sich große Ruthen von Birkenzweigen, die schon anfingen zu grünen, gebunden und stäupten damit die Frauen, wenn es ihnen gelang, in ihre Kammern zu dringen, wobei es oft roh und unsäuberlich zuging. Vorzüglich aber waren die lustigen Gesellen darauf bedacht, die Mädchen, welche Osterwasser geholt, zum Sprechen zu bringen, und ihnen dieses dadurch zu verderben. Späße jeder Art wandten sie an, um ihren Zweck zu erreichen, suchten die Mädchen zum Lachen oder zum Zorn zu reizen, sagten ihnen die ärgsten Dinge, während diese, ernst und schweigend, die Krüge nach Hause zu bringen suchten, was oft zu gar komischen Scenen Veranlassung gab, an welchen sich auch die Herrschaften ergötzten.

Es war ein schöner, stiller Frühlingsmorgen, wie man sich ihrer so oft im März an den Ufern der Havel erfreuen kann; ein weißer, durchsichtiger Nebelschleier lag über der Ferne, und zog sich dichter auf dem blauen Strome und den grünen Nuthewiesen zusammen, längs deren Ufern sich ein dichtes Elsenbruch, untermischt mit hohen, zackigen Eichen, bis nahe an ihre Mündung in die Havel hinzog. Zwischen diesen Zweigen röthete sich der Horizont zuerst, und über die Nebelschicht in der Niederung breitete sich der goldene, purpurne Glanz an dem Morgenhimmel aus und erfüllte schnell den ganzen Raum vom Babels- bis zum Brauhausberge. Dann hob sich der Sonnenball in dunkelrother Gluth und länglich runder Gestalt schwankend aus dem Nebel der Wiesen, und als der Geistliche rief: „die Sonne tanzt,“ hatten Alle das glänzende Tagesgestirn hüpfen gesehen.

Die Gesellschaft auf dem Schlosse war durch den schönen Morgen in eine ernst heitere Stimmung versetzt worden, und die Ritter aus dem Teltow, der Zauche und dem Havellande sagten dem Burgfräulein viel von ihrer heißen Liebe, und wie sie die Sonne ihres Lebens wäre: Die Jungfrau aber war gar ruhigen Sinnes und konnte sich nicht entscheiden, denn ihr Herz sprach für keinen der Freier. Als aber der Vater in sie drang, und die Tanten und Verwandten zuredeten, sie möge wählen und ihre Hand einem der edlen Ritter reichen, da sagte sie: jeder der Freier solle morgen, am zweiten Festtage, auf den Berg bei Potsdam reiten, von welchem er die Aussicht am schönsten finde; sie wolle auch beim Aufgang der Sonne auf dem anlangen, den sie für den schönsten Punkt halte, und der Ritter, den sie dort träfe, der solle ihr Verlobter sein. Anfangs galt diese Rede für Scherz; aber das Fräulein bestand auf ihrem Sinne, und der Vater gab seine Zustimmung, was auch die Tanten dagegen einzuwenden haben mochten. Die Ritter lachten und waren es gern zufrieden - Einer nur ging still und mit traurigem Blicke hinweg.

Den Tag hindurch ist nun viel über die Sache hin und her gesprochen worden. Einige der Freier vertrauten auf ihren Geschmack und ihr Glück, andere suchten durch Freundinnen und Dienerinnen ihre Wahl zu bestimmen, und einige versuchten, das Fräulein selbst zu irgend einer bestimmenden Andeutung zu verleiten. Diese aber wurde immer ernster und nachdenkender, je näher der Abend kam, und als sie sich eingeschlossen in ihr Schlafgemach, da hat sie viel geweint und die Jungfrau Maria gebeten, sie möge ihr helfen bei der wichtigen Angelegenheit, die sie so leichtfertig dem Zufall überlassen.

Als sie endlich spät eingeschlafen, sind ihr viele wirre Traume gekommen, und in einem derselben sah sie wieder die Sonne aufgehen, wie am Morgen, und da sie in die glänzende Scheibe blickte, war es das Gesicht des Ritters, der still und traurig hinweg gegangen war; jetzt aber sahen sie seine glänzenden Augen so liebevoll an, daß das Blut in ihrem Herzen zu stocken schien, und als die Morgenröthe zerflossen war, hatte diese sich in eine goldene Blumenkette verwandelt, welche ihr Herz an die Sonne fesselte, und es immer näher zu derselben hinzog, bis es versank in die Gluthen des Glücks und der Liebe.

Die Freier aber waren schon lange vor Tagesanbruch hinaus geritten, jeder auf die Kuppe des Berges, wo er das Fräulein erwarten zu können hoffte. Jeder hatte sich für einen anderen Punkt entschieden; diese waren:

Hier harrten die Ritter, ungeduldig ihre Rosse tummelnd, der Sonne und des Fräuleins. Diese aber schreckte erst auf aus ihren Träumen, als schon das Grau der Dämmerung sich mit leichtem Roth vermischte. Eilig bestieg sie ihren Zelter, aber kaum war noch irgend eine der Höhen vor Sonnenaufgang zu erreichen. Hierdurch bestimmt, setzte sie mit der Fähre über und eilte dem Brauhausberge zu, der vor allem ihr Lieblingsplatz war. Schon zuckten die Strahlen der Sonne durch die Morgendämmerung, als sie die Kuppe erreichte.

Diese Stelle aber hatte der Ritter, den der Traum ihr gezeigt, erwählt, weil er von hier aus die Fenster der Geliebten im Schlosse sehen konnte; - und oft noch ist das glückliche Paar hinaus gewandert zu der schönen Stelle, wo die Sonne zuerst über ihrem Glücke aufging, und hat es sich gesagt, daß alles Große und Schöne dem Menschen nur wie sie aus dem reinen, blauen Liebesgrund aufgeht, und daß das Herz glücklich sein muß, sobald es wahrhaft liebt1).

Quelle: Karl v. Reinhard, Sagen und Mährchen aus Potsdams Vorzeit, Potsdam 1841, Verlag der Stuhrschen Buchhandlung


1)
ging auch, vor nun fast hundert Jahren, Ewald v. Kleist auf die „poetische Bilderjagd„, wenn er an seinem „Frühling“ dichtete.