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In der Johannisnacht wächst auf dem Valtenberg und auch auf einigen benachbarten Höhen ein Farnkraut, das - im Gegensatz zu allen anderen Pflanzen seiner Art - Blüten treibt. Es sprießt aus der Erde hervor, trägt Blüten und Früchte - alles in einer einzigen Nacht. Der Samenstaub dieses Farns hat die wunderbare Eigenschaft, den Menschen, welcher ihn bei sich führt, unsichtbar zu machen. Einst ging ein Mann aus Neukirch in der Johannisnacht über den Valtenberg. Er streifte im Vorüberschreiten einen solchen seltsamen Farnwedel, dessen Samen herabstäubend ihm in die Schuhe fiel. Bald darauf gelangte der Mann aus dem Walde heraus in das mondbeschienene Tal, das fast so hell wie am Tage dalag. Da begegnete ihm ein guter Bekannter, der ebenfalls noch so spät unterwegs war. Der Mann wollte ihm die Hand reichen und grüßte: „Guten Abend, Friedel!“ - „Heiliger Gott„, schrie der Angeredete, „was war das?“ und lief erschreckt davon. Näher beim Dorfe überholte der Mann seine Base, die vom Besuche bei einer Kranken aus den Hübelhäusern zurückkehrte.
„Bist du auch noch nicht schlafen, Paulinchen?„ fragte er. „Alle guten Geister loben Gott, den Herrn!“ kreischte die Frau und ergriff die Flucht. Der Wanderer schüttelte den Kopf über das sonderbare Benehmen seiner Bekannten und schritt weiter seinem Gehöfte zu. Dort begrüßte er seine Frau und seine Tochter, die noch wach geblieben waren, um den Vater zu erwarten. Die beiden erschraken, als sie seine Stimme im Zimmer hörten, aber ihn selbst nicht sahen. Verstört blickten sie sich um und meinten, es sei ein Geist. Sie erkannten den Vater erst, als er die Schuhe auszog. Der Farnstaub darin hatte ihn unsichtbar gemacht.
Quelle: Erich Krawc, „Sagen der Lausitz“, Domowina Verlag 1962;