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Das Bergmännlein auf dem Hochwald

Auf dem Hochwald, in dessen Boden der Sage nach kostbare Edelsteine liegen sollen, geht zuzeiten, meist am Abend vor dem Weihnachts-, Oster-, Johannis- und Michaelisfest, ein kleines aschgraues Männlein um. Es hat lange weiße Bart- und Kopfhaare, trägt einen schwarzen, rotverbrämten Rock mit einem gelben Gürtel und auf dem Kopf eine spitze, smaragdgrüne Mütze, in der linken Hand hält es ein Rauchfaß, in der rechten aber einen bunten Stab. Dieses Männchen zeigt dem, der das Glück hat, ihm zu begegnen, nicht nur Gold, Silber und Edelsteine, sondern insbesondere auch wohltätige Heilkräuter.

Einst lebte zu Olbersdorf ein gewisser Jakob Sahrer, den einige den frommen Jakob, andere den hinkenden Boten nannten, weil er seit der Schlacht auf dem Weißen Berge an einer Kugel laborierte, die ihm als kaiserlichem Reitersmann das Knie zerschmettert und ihn zu ewigem Hinken verurteilt hatte. Er war im ganzen Dorf beliebt und besonders wegen seiner redlichen Gesinnung - etwas Seltenes bei einem alten Soldaten - hochgeachtet, und so gab ihm jeder etwas zu verdienen, wenn er die Kräuter anbot, die er gesammelt hatte, oder sich zu Botengängen meldete.

Einst begegnete er in der Michaelisnacht dem Bergmännlein. Es machte ihm ein Zeichen ihm zu folgen, und führte ihm kreuz und quer durch den Wald, bis es endlich an einem kleinen Hügel stehenblieb: räucherte, mit seinen Stab in alle Himmelsgegenden hinwies und dann damit den Boden berührte. Da ergoß sich auf einmal aus dem Hügel ein förmlicher Springbrunnen von Gold, Silber und Edelsteinen, der wieder versiegte, als er eine Weile gesprudelt hatte. Das Bergmännlein erlaubte dem frommen Jakob, die Schätze an sich zu nehmen, und da er keinen Sack besaß, packte er sie in seinen Mantel. Dann gab ihm das Männlein noch ein in schwarzen Samt gebundenes Buch, winkte ihm, sich zu entfernen, und verschwand selbst. In dem Buche aber, das von den geheimen Kräften der Kräuter und Wurzeln handelte, lag ein Zettel, durch den in lateinischer Sprache der neue Besitzer ermahnt wurde, sich des Buches weise zu bedienen und stets der Armen und Kranken zu gedenken. Dies tat der brave Invalid nach Kräften; er heilte eine Unzahl Kranke, half mit seinem Reichtum den Armen und Schwachen, bis er gegen Ende des 17. Jahrhunderts starb. Jenes Bergmännchen aber soll der Geist eines klugen Mannes sein, der im Mittelalter an der böhmischen Grenze ebenfalls als ein ausgezeichneter Kräuterkenner und Naturarzt vom Volke geliebt und vielfach um Hilfe ersucht wurde. Als er eines Tages von einer Reise aus dem benachbarten Böhmen zurückkehrte, soll er auf jenem Hügel, dem jetzt noch sein Schatten entsteigt, von ruchlosen Menschen erschlagen worden sein. Sie hatten wahrscheinlich große Reichtümer bei ihm zu finden gehofft, da man ihm auch ein tiefes Wissen von den in der Erde ruhenden Metallen und Edelsteinen zuschrieb. Bauern aus der Nachbarschaft haben ihn dann begraben.

Quelle: Erich Krawc, „Sagen der Lausitz“, Domowina Verlag 1962;