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Die zerbrochenen Heiligenbilder

Wo vom Oberwald das Tal sich hinabzieht nach Sichenhausen, dem Rehberg gegenüber, stand ehedem der Rainhof. Den erbaute, weil er da droben seine Äcker hatte, ein Mann von Sichenhausen, der daneben das Schmiedehandwerk betrieb. Die zum Bau erforderlicher Sandsteine kaufte er in Herbstein. Dort war nämlich eine alte Kapelle auf den Abbruch versteigert worden. So erhielt er neben prächtigen Bausteinen auch zugleich etliche alte Heiligenbilder, aus Sandstein kostbar gehauen, die man als altes Gerümpel ihm mit in den Kauf gab. Der Mann brachte diese auch mit herüber. Als er sein Haus fertig hatte, gedachte er die Heiligen in die Halle seiner Schmiede zu stecken, als Zierrat der Wohnung. Er hatte sie auch schon alle der Reihe nach rings herum aufgestellt und schlug eben in Gottes Namen den letzten Nagel ein, um sie vollends festzuklammern. Da stürzten in einem und demselben Augenblick sämtliche Heiligenbilder von ihrem Postament auf das Pflaster und zerbrachen kurzkrümmelklein in tausend Stücke.

Als er sich nun darüber sehr ärgerte, sagte ein kluger Mann zu ihm: »Was wundert dich das? Guck, das haben die Heiligen selber getan, die gehören in eine geweihte Kirche und nicht in eine so rußige Bauernschmiede, wie die deine ist!«

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873