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Der erlöste Geist

Ein Mann, der ein Haus neu erkauft hatte, wachte in der Nacht über einem furchtbaren Kettengerassel auf und sah einen Geist in Menschengestalt vor sich stehen, der ihm in einem fort winkte. Weil er sich indessen fürchtete, ließ er den Geist bitten und winken, so lange er wollte, bis seine Zeit um war. Am Morgen erzählte er seinem Bruder den Vorfall. Sie beschlossen, in der nächsten Nacht beieinander zu schlafen, und wenn der Geist wiederkäme, ihm zu folgen. Wirklich geschah dies. Also taten sie schnell ihre Kleider an und folgten dem Geist, welcher sie die Treppe hinab in den Keller führte. Dort lag in einer Ecke ein großer Haufen Geld. Der Geist deutete ihnen schweigend, diesen mitzunehmen. Sie gingen die Treppe wieder hinauf bis auf den Vorplatz des Hauses. Da mussten sie Halt machen und das Geld in zwei Teile aufteilen.

Weil sie nun glaubten, der Geist wolle selber einen davon, fragten sie ihn: »Welches ist denn dein Lohn?«

Er schüttelte darauf den Kopf und gab ihnen zu verstehen, dass er nichts davon wolle, sondern, dass jedem von den beiden Brüdern ein Teil gehöre.

Da rief der eine Bruder voller Freude und Dankbarkeit aus: »Nun, dann gebe dir unser Herrgott den Lohn.«

Alsbald geschah ein heller Schrei und der erlöste Geist war hinweg. Das Geld aber behielten sie und es hatte jedem von ihnen Segen ins Haus gebracht.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873