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Die Pferdeköpfe

Einem gründlichen Bauer in einem Vogelsberger Dorf starb zu seinem großen Leidwesen die Frau und wurde aufrichtig (öffentlich) begraben. Weil aber der Mann sie sehr lieb gehabt hatte, konnte er keine Stunde und Minute die Gedanken an sie los werden. Als er nun eines Abends ganz betrübt in der Ofenecke saß und um sie weinte, hörte man drei starke Schläge an die Haustür.

Da sandte der Mann seinen Knecht hinaus, dass er sähe, was das zu bedeuten habe. Dieser kam gleich wieder zurück und war weiß unter der Nase und zitterte am ganzen Leib. »Herr«, sagte er, »unsere selige Frau steht draußen und begehrt Einlass.«

»Was schwatzest du da für Zwerchheiten (Verkehrtheiten)?«, antwortete der Mann, »das ist ebenso wenig wahr, als meine zwei Schimmel eben zum Laweloch (Bodenloch) herausgucken.«

Doch was geschah? Auf einmal ging es trapp, trapp die Treppe hinauf, die Stubentür fuhr auf und die tote Frau trat leibhaftig herein. Die Schimmel guckten aber wirklich zum Laweloch mit ihren Köpfen heraus.

Zum Gedächtnis dieser Wundergeschichte ließ der Mann, der sie nur mit Mühe wieder vom Boden herabbringen konnte, später zwei hölzerne Pferdeköpfe machen, die sieht man noch heute aus dem Loch herausgucken. Der Name des Dorfes ist mir in Vergessenheit gekommen, aber, wenn mein Ellerkmänn noch lebte, der wüsste es zu sagen.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873