<<< zurück | VII. Wehrwolf, Zauberer, Teufel, Irrlichter, Seelen | weiter >>>

Der gestörte Tanz

In einem Städtchen am östlichen Abhang des Gebirges wurde immer in der Silvesternacht des Jahres Musik und Tanz auf dem altertümlichen Rathaus gehalten. Als wieder einmal die Gesellschaft gar fröhlich beisammen war, erschien mit dem Mitternachtsschlag aus einer sonst stets verschlossenen Nebentür ein unbekannter grauer Mann, der sich alsbald unter den Reigen mengte und wacker drauflos tanzte. Alle anderen wurde eigentümlich zumute. Als sie genauer den Fremden beobachteten, wurden sie gewahr, dass er mühsam nur einen Pferdefuß zu verbergen versuchte. Nun war es mit aller Lustbarkeit schnell zu Ende. Der Saal leerte sich zusehends, und auch der graue Mann mit dem hageren unheimlichen Gesicht war verschwunden. Niemand konnte sagen, wohin. Seit diesem gestörten Tanz wurde das Rathaus nicht mehr zu derartigen Vergnügungen benutzt, denn all die Mädchen, mit welchem der graue Mann getanzt hatten, wurden krank und starben vor Jahresfrist.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873