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Das Bandhaus zu Büdingen

Nicht weit von dem Obertor zu Büdingen, in einem herrschaftlichen Garten, steht ein altes, düsteres, nun nicht mehr bewohntes Gebäude, in dem eine Menge schaurige Geschichten passiert sind. Es ist das Bandhaus, welches nun als Eiskeller, Fruchtspeicher und Kelterhaus dient.

Ein Mann aus der Stadt sollte einst in demselben Obst auslesen und wurde in dieser Beschäftigung durch ein furchtbares Getöse aufgeschreckt. Da aber dieses nach einiger Zeit nachließ, auch ihm selbst nichts Böses geschah, so ließ er sich das Ding nicht sonderlich anfechten und schaffte weiter. Wie er sich indes zufällig dabei einmal umschaute, sah er ein altes graues Männchen sich gerade gegenübersitzen, das mit dem freundlichsten Gesicht von der Welt ihm zunickte und offenbar zu sprechen begehrte. Er ließ es jedoch dazu nicht kommen, sondern entfloh heulend vom unheimlichen Ort. Zu Hause musste er sich alsbald zu Bett legen. Die heftige Krankheit, in welche er verfiel, hätte ihm beinahe das Leben gekostet.

Nicht viel besser erging es im Siebenjährigen Krieg einer Rotte Kaiserlicher, welche man in das Bandhaus einquartiert hatte. Es waren Reiter, die sich den schaurigen Oktoberabend nach ihrer Weise bei Bier, Tabak, Gesang und Kartenspiel vertrieben, sodass sie gar nicht merkten, wie die Mitternachtsstunde herannahte. Ein verwegener und vom Spiel und Trinken erhitzter Wachtmeister warf gerade in diesem Augenblick die Karten laut schallend auf den Tisch.

»Und wenn der Teufel selbst käme«, brüllte er, »so muss ich den Stich doch gewinnen!«

Weil er aber so heftig aufgeschlagen hatte, sprang die Karte zwischen ihnen durch und fuhr unter die neben ihnen stehende Bank. Geschwind ergriff der Wachtmeister den Leuchter, um sie wieder zu suchen. Ebenso geschwind aber fuhr er auch wieder zurück, seine Züge verzerrten sich, seine stammenden Lippen vermochten nicht mehr zu reden und nur mit der Hand deutete er den ihn verwundert anglotzenden Kameraden zitternd zur Bank hin. Siehe, da lag ein großer, pechschwarzer Hund mit rollenden Feueraugen, dem eine glühende Kette um den Hals geschlungen war! Die Karten hinwerfen und mit Grausen zur Tür hinausspringen, war bei allen eins. Obwohl sie draußen sich ihrer Furcht schämten, wollte niemand von ihnen mit dem höllischem Hund anbinden, noch in dem Haus über Nacht bleiben. Der Rat der Stadt musste ihnen andere Quartiere beschaffen.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873