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Das verwundete Konfirmandenkind

Die Dorfkirche zu Merkau war längst baufällig geworden. Der Gottesdienst wurde in dem sonst sehr schönen Schloss gehalten, dessen einer Teil noch gut erhalten, aber ganz unbewohnt war. In einem Seitengebäude, der sogenannten Kanzlei, gab dazumal der Pfarrer den Konfirmandenunterricht.

Da geschah es denn sehr häufig, dass die Kinder aus der Pfarrei auf den geistlichen Herrn warten mussten und sich die Langeweile vor dem Beginn der Stunde mit allerlei oft unziemlicher Kurzweil in den leeren Gemächern des Schlosses vertrieben. Gewöhnlich spielten sie Verstecken und durchtobten in lauter Fröhlichkeit die stillen Räume.

Ein blutarmes Waisenkind hatte bei solch einer Gelegenheit sich immer nach einem guten Versteck umgesehen und war endlich in ein Zimmer geraten, in dem sich ein mächtiger alter Ofen befand. Unter diesen kroch es und hielt den Atem an, sodass es seine Kameraden richtig nicht fanden.

Indem schlug es auf dem Turm elf Uhr, und eben wollte es sein Versteck verlassen, weil um diese Zeit der Pfarrer kam und es also fort musste, als seitwärts aus einer Tür, die es bis dahin sich gar nicht erinnerte, je gesehen zu haben, die weiße Frau ganz dusemang herausschritt und mit einem Paar Schlüssel, die sie zwischen dem Daumen und Zeigefinger emporhielt, auf das vor Schreck erstarrte Kind losschwebte.

Dieses wusste sich nicht anders zu helfen, als mit einem raschen Sprung zum Ausgang zu eilen.

Hier vertrat ihm aber die weiße Frau den Weg, streckte ihm die Schlüssel entgegen und rief: »Nimm sie, nimm sie!«

Doch das Mädchen wischte ihr unter dem Arm hindurch und riss die Tür weit auf.

Darüber wurde die weiße Frau voll ingrimmigen Zornes, ließ das unbarmherzige Mädchen laufen, warf ihm aber die Schlüssel nunmehr so heftig an den Kopf, dass es rücklings zu Boden stürzte und das Blut ihm über das Angesicht floss. Dann verschwand sie ebenso unmerklich, wie sie gekommen war.

Lange lag das Mädchen in tiefer Betäubung. Endlich raffte es sich auf und wollte in die Konfirmandenstunde. Doch diese war schon eine geraume Weile zu Ende und die Uhr weit vorgerückt. Die Zeit war ihm hingeflogen, es wusste nicht wie. Jedermann würde seine Erzählung für eine Lüge gehalten haben, wenn man nicht den Abdruck der Schlüssel noch lange an seinem verwundeten Kopf gesehen hätte.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873