<<< zurück | IV. Weiße Frauen | weiter >>>
In der heiligen Adventszeit ging einer der alten Schäfer von Merlau vor dem Schloss her und konnte es sich gar nicht deuten, warum die Luft auf einmal so schwül war und ihn so ein unwiderstehliches Gelüste überkam, am hellen Mittag sich hinzulegen und zu schlafen. Weil aber gerade ein großer Quaderstein vom Schlossbau in der Nähe lag, säumte er sich nicht lange, streckte sich auf den Boden hin und lehnte das Haupt zurück, indem er seine Hand über die Augen hielt.
Kaum hatte er etliche Minuten im Halbdusel gelegen, als er eine über alle Beschreibung liebliche Musik gerade unter sich in der Erde vernahm. Vor Erstaunen rieb er sich die Augen und hörte noch alles ganz deutlich. Aber nun stand auch eine hohe weiße Gestalt mit tiefliegenden dunklen großen Augen und schwarzen Haaren vor ihm und hielt ihm ein Schlüsselbund vor das Gesicht. Erschreckt drehte sich der Schäfer auf die andere Seite um, doch sie schwebte über ihn hin und reichte auch hier ihm die Schlüssel eifrig entgegen. Nun sprung er auf und achtete nicht auf sie, obwohl sie zum dritten Mal ihm die Schlüssel aufdringen wollte. Im selben Augenblick hörte er einen furchtbaren Knall, die Gestalt aber war verschwunden.
Glücklich kam er heim zu Frau und Kind und erzählte alles. Ein Leid hatte ihm die weiße Frau nicht zugefügt, auch kein Wort gesprochen, aber ihre Gebärden waren so flehend und jämmerlich gewesen, dass es dem Schäfer immer gereute, ihren Wunsch nicht erfüllt zu haben. Doch sie erschien ihm nie wieder.
Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873