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Die Jungfrau auf den Hirschröder Wiesen

Nicht lange nach dem Grummetmachen hütete ein Mann von Ruppertsburg auf den Hirschröder Wiesen, welche nach Stornfels zu liegen. Unterdessen trieb er immer näher auf den Berg zu, an einen Platz, wo man es Am Backöfchen heißt. Es kam ihm so vor, als höre er drin ein Geräusch, ähnlich wie das Scharren mit dem Kratzeisen im Backtrog.

Unwillkürlich dachte er an Kuchen. Weil ihm des Maul danach wässerte, rief er: »Bringt mir auch einen Kuchen heraus.«

Kaum war das Wort über die Lippen, so tat sich schon der Berg auf. Eine wunderschöne weiße Jungfrau trat hervor mit einem Tischchen, das deckte sie mit einem neuen Tuch und legte darauf einen frischgebackenen, wohlriechenden Kuchen, zugleich mit einem Gebund Schlüsselblumen.

Bei all diesem Tun sprach sie kein Wort. Der Mann merkte aber, dass sie es gern gehabt hätte, wenn er vom Kuchen äße und die Schlüsselblumen nähme. Das getraute er sich aber doch nicht zu tun, sondern geriet in höllische Ängste und wendete spornstreichs mit seinen Kühen wieder um.

Eine Zeit lang hörte er es noch hinter sich wimmern und lamentieren. Als er sich umsah, hatte der Berg die weiße Jungfrau, deren Erlösungsstunde nun auf weitere sieben Jahre hinausgerückt blieb, wieder aufgenommen.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873