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Weiße Frau im Kunzenholz

Nicht weit vom Platz, wo der Pfaffensteg über den Hillersbach führt, ist das Kunzenholz. Es mögen nun ein Jahrer zehn sein, als dort ein Burkhardser Bauernjunge das Vieh hütete und eine gar feine weiße Frau auf sich zukommen sah, welche ihn um der Barmherzigkeit Gottes willen anflehte, sie doch von ihrem Bann zu erledigen. Sie begehrte von ihm, wenn er sich fürchte, so solle er am folgenden Tag gegen Mittag seinen Vater mitbringen, denn dann werde sie in anderer Gestalt, nämlich als Schlange wiederkommen mit einer Krone auf dem Kopf und einem goldenen Schlüssel im Maul. Soweit hörte ihr der Zunge zu, dann rannte er mit seinem Vieh davon und ins Dorf hinein, wo er mit seiner Erzählung alle Leute rebellisch machte. Tags darauf gingen viele mit ihm um die angegebene Zeit ins Kunzenholz, allein weil er das Schweigen gebrochen hatte, mussten sie unverrichteter Sache wieder heimkehren.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873