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Weiße Frau in Gedern

Jedes Mal, wenn ein Mitglied des erlauchten Hauses sterben wollte, ließ sich im Schloss zu Gedern eine lange, hagere, weiße Frau sehen, die, wie mit einem dünnen durchsichtigen Schleier bekleidet, über Treppen und Vorplätze des Gebäudes fast unhörbar hinhuschte. Von der letztverstorbenen Gräfin Stolberg erzählt man, dass sie eines Abends im stillen Garten an einem einsamen, ihr sehr lieben Platz saß, ganz ins Lesen vertieft, sodass sie die einbrechende Dämmerung gar nicht gewahr wurde. Auf einmal störte sie ein eigentümliches Geräusch im gegenüberliegenden Gebüsch. Sie schaute auf und die weiße Frau schwebte ganz nah an ihr langsam und feierlich vorüber und schien mit der Hand zu winken. Kurz darauf wurde die Gräfin durch den Tod zu ihren Vätern versammelt.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873