<<< zurück | IV. Weiße Frauen | weiter >>>

Die weiße Frau und das Waisenkind

Vor mehr als sechzig Jahren ging eine Schar Mädchen aus Burkhards in den Schwarzwald, welcher zwischen dem Dorf Streithain und dem Riedern, einem ausgegangenen Ort, links von der stumpfen Kirche liegt. Sie suchten Beeren und fanden ganz besonders viele und schöne unter einem Steingeröll, in dessen Mitte ein sehr großer und oben platter Stein sich zeigt.

Eins der Mädchen, ein armes Waisenkind, stieg da hinauf, um sich umzusehen. Kurz danach geschah ein Knall, als donnerte es unten in der Erde. Mit angstvollem Gesicht, keines Wortes mächtig, stürzte das Mädchen herab, überschlug sich und brach einen Arm. Seine Kameraden sprangen zu ihm und waren ganz außer sich.

Als sie fragten, was denn ihr geschehen ist, antwortete es: »Kaum war ich oben auf dem Stein, so kam aus dem Felsen eine hohe weiße Frau heraus, die verlangte von mir, weil ich ein Waisenkind sei, könne und solle ich sie erlösen. Aber ich habe mich so ungeheuer erschreckt, dass ich blindlings von der Höhe herabgesprungen bin. Ich will lieber auch noch den anderen Arm brechen, als jemals im Leben so etwas wieder zu sehen.«

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873