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Die Königstochter im Bilstein bei Lauterbach

Bei der Stadt Lauterbach erhebt sich der Bilstein, ein mäßiger Berg, der mit Wald bestanden ist und einen prächtigen Steinbruch mit dem allerschönsten Säulenbasalt vor sich hat. Ehedem stand da ein stolzes Schloss. Darin wohnte ein alter König mit seiner Tochter, welche ihres Gleichen nicht hatte in allen Landen an Schönheit. Aber das gehorsame Herz und fromme Gemüt fehlte ihr. Sie entbrannte gegen einen Niederen in unziemlicher Liebe. Als ihr Vater sie deshalb schalt, geriet sie in einen so starken sündhaften Zorn gegen denselben, dass sie mit eigener Hand ihn hinterlistig erstach. Seitdem ist das Schloss versunken in den Berg mit all seiner Herrlichkeit. Wirre Steinhaufen bedecken die verfluchte Stätte. Die unnatürliche Königstochter geht seitdem in weißem Gewand mittags und mitternachts um, ohne Rast und Ruh, und fleht die Menschen mit kläglichen Gebärden an um ihre Erlösung. Allein ihre Zeit muss immer noch nicht um sein, weil fast alljährlich Leute kommen, die sie gesehen haben und vor ihrer plötzlichen Erscheinung geflohen sind.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873