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Die Jungfrau im Kellergarten

Unweit der Eichelsdorfer Kirche, welche einsam über dem Ort sich erhebt, liegen die Kellergärten. Hierhin waren vor vielen Jahren Leute gefahren, um Holz zu machen. Einer von ihnen sah eine goldgelbe Schlüsselblume vor sich stehen und steckte sie, nachdem er sie abgebrochen hatte, in den Mund. Sogleich kam ihm die ganze Gegend verändert vor. Er stand vor einem Berg, in welchen eine Tür hineinging, und sah eine hübsche weiße Jungfrau. Die schien auf ihn zu warten und winkte ihm gar freundlich herbeizukommen. Der Mann folgte mit einigem Zittern. Die Jungfrau ging voraus, und indem er sich hart hinter ihr hielt, kam er durch einen dunklen Kellergang in ein hohes, lichtes Gemach, in welchem allerlei Schätze aufgehäuft lagen. Da warf er die Blume zur Seite und griff gierig nach dem vielen Gold, um sich die Taschen zu füllen.

Aber die Jungfrau fing auf einmal an zu reden. »Freund, du hast das Beste verloren!«

Darüber erschrak er, lief hinaus und hatte keine Ruhe, bis er heimkam. Ein paar Goldstücke fand er zwar in der Tasche, aber nie konnte er sich darüber trösten, dass er so einfältig gewesen war und die Wunderblume weggeworfen hatte, denn die Jungfrau und die Tür wurden nicht wieder vor ihm sichtbar.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873