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Im Antoniter-Kloster zu Grünberg

Das frühere Antoniter-Kloster zu Grünberg wurde in ein Schloss verwandelt, und seit langen Jahren wohnte der Landrichter und Rentmeister darin. In mancher Nacht hatte der Bäcker, der »in den Höfen« wohnte, den einen Flügel desselben, der unbewohnt war, erleuchtet gesehen und eine himmlische Musik gehört, die von keinem Sterblichen herrührte.

Die ledige Schwester eines Rentmeisters war in der Adventszeit lange aufgewesen, sodass es gegen Mitternacht sein mochte. Unvermerkt tat sich da auf einmal die Tür ihres Zimmers auf und zwölf weiße Jungfrauen traten herein, eine schöner als die andere. Sie stellten sich in einen Kreis um sie herum auf und hoben einen Gesang an, der lautete so süß und wunderschön, dass es nicht zu sagen ist.

Das Mädchen traute seinen Augen und Ohren nicht und fiel aus einer Verlegenheit in die andere, weil es nicht wusste, wo es mit dem Ding hinauswollte.

Endlich sagte es in großer Befangenheit: »O, welch ein hoher Besuch ist das!«

Da war die Erscheinung ebenso schnell fort, wie sie gekommen war. Nur einen Augenblick noch hallte der Gesang draußen auf dem Hausflur nach, bis er verging.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873