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Die ledernen Hosen

Immer zu der Jahreszeit, wenn der wilde Jäger durch das Linnes zog, geschah es, dass einzelne Leute, die auf dem Pfad von Lehnheim nach Nieder-Ohmen durch den Wald gingen, an einem gewissen Baum daselbst ein paar ungeheuer große lederne Reithosen hängen sahen, die aber jedes Mal über und über mit Schmutz bedeckt waren.

Machten sie sich näher hinzu, so rief aus ihnen heraus eine überlaute Stimme: »Putzt mich! Putzt mich!«

Wer nun nicht faul war, sich an das angeforderte Geschäft alsbald begab und nach Vollbringung desselben in die Hosentasche griff, der fand jedes Mal darin einen ganz alten, schweren Silbertaler, mehr aber auch nicht. Den durfte er unbeschrien mitnehmen und behalten. Es war der Lohn des wilden Jägers. Dann aber sah man die Hose nicht mehr. Überhaupt nur solche, die als güldene Sonntagskinder oder mit einer Westerhaube jung geworden waren, empfingen diesen sehnlich begehrten Glückstaler. Die anderen aber, die auf den Ruf auch herzueilten, mussten, wie mit den Füßen angewurzelt, eine Weile vor der Hose stehen bleiben und konnten erst nach ihrem Verschwinden wieder den gewohnten Weg ungefährdet fortsetzen.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873