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Die Spinnerin auf der Altenburg bei Sichenhausen

In Kaulstos war ein armer Mann, ich hab ihn noch recht gut gekannt. Man hieß ihn nur den Katzenhannes, der ging nach Seemen zu einem Juden und wollte ihn um Frist bitten, weil er kein Geld zum Bezahlen hatte. Also schlug er den gewöhnlichen Weg dahin über die Altenburg ein. Hart vor dem Seemerwald sah er eine ihm unbekannte uralte Spinnerin sitzen, die trällerte Wolle auf einem hübschen braunen Rädchen. Vor ihr lag ein Knottentuch mit Frucht, als wäre die gewaschen und sollte in der Sonne getrocknet werden. Die Alte hatte eine weiße Hülle auf dem Kopf und sah ihn an, ohne ein Wort zu verlieren, deutete aber mit der Hand immer auf die Frucht. Im Vorbeigehen griff der Katzenhannes auch danach und steckte ein paar Körner, die ihm wie Weizen vorkamen, in die Tasche. Darauf ging er seines Weges. In Seemen sagte er zu dem Juden: »Schmul«, sagte er, »wenn ich so viel Gold hätte, wie Körner auf dem Tuch lagen, das ich auf der Altenburg sah, dann wäre meine Schuld längst berichtigt.«

»Gottes Wunder«, antwortete der Jude, »was hast du gesehen?«

Da erzählte ihm der Katzenhannes umständlich die Begebenheit, aber der Jude wollte es nicht glauben und hielt es für einen Aufbrand.

Da langte der andere in seine Tasche und sprach: »Nun sieh einmal, was das für schöner Weizen gewesen ist!«

Aber es war das purlautere, funkelneue Gold, was er hervorzog. Jetzt hätten die beiden keine zehn Gäule gehaltenSie liefen in einer Hast zur Altenburg und suchten und suchten nach der wunderbaren Frau, doch um sonst. Sie hatten das Nachsehen und die schöne Gelegenheit war für immer verpasst.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873