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Vieh bedauern

Wenn man ein Vieh beim Schlachten bedauert, so hat es langes Leben, gibt wenig Blut und sein Fleisch ist den Menschen schädlich, sodaß sie dann auch daran sterben müssen. Einmal war ein Mann und eine Frau, die hatten so eine ganz große Kuh, und das liebe Thier war so schön bunt und hatte euch einen ordentlichen Stern vor ihrem Kopfe und eine so schöne große Zitze, und da saß so viele süße Milch darin. Nun ging die Kuh einmal über einen schmalen Steg, da fiel sie herab und brach ein Bein. Mit vieler Mühe wurde sie wieder zu den Leuten ins Haus gebracht, denen sie gehörte, und da sollte sie geschlachtet werden. Als der Schlächter kam, bedauerte nun der Mann die Kuh so sehr, daß sie erst vom hundertsten Schlage vor den Kopf in die Knie sank. Der Mann aber heulte immer zu, und als der Kuh schon das Fell abgezogen war, stand sie noch einmal auf und ging auf der Diele umher. Jetzt sagte der Hirt, das Fleisch sei nicht zu genießen, es würde Dem den Tod bringen, der es äße. Da mußte zum Schinder geschickt werden, und als der die Kuh auf den Schindanger hinausschleifte, heulte und jammerte der Mann erst recht. Da tröstete ihn die Frau, wie sie dem Schinderkarren nachsah, und weil sie auch nicht mit Verstande zu sehr gesegnet war, so sagte sie! »Sei doch nur ruhig, den Weg, den unsere Kuh jetzt geht, müssen wir ja Alle einmal gehen!«

Quellen: