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Die treue Frau

Reinhard V. von Dalwigk, der Ungeborene genannt, weil er durch einen Kaiserschnitt zur Weit kam und durch das Erwärmen in dem Bauch frisch geschlachteter Schweine erhalten wurde, wurde einst (1448) in dem Schloss Weidelburg von dem hessischen Landgrafen Ludwig belagert. Als er sich nicht mehr halten konnte, versuchten seine Freunde, ihn durch List zu retten. Sie verbargen ihn in einem mit Speck gefüllten Sack und luden diesen auf einen Esel, um ihn so unbemerkt durch die Belagerer zu entführen. Aber die List missglückte. Reinhard wurde entdeckt und fiel in des Landgrafen Hände.

Eine andere Sage erzählt, der Fürst habe durchaus verlangt, dass sich Reinhard in Person stelle. Da stieg Reinhards Frau ins feindliche Lager nieder und ließ sich vor den Landgrafen führen, dem sie weinend zu Füßen fiel, indem sie ihn um Gnade für ihren Gemahl bat. Da sprach der Landgraf, obgleich er sich vorgenommen hatte, nicht einen Hund auf dem Schloss leben zu lassen, solle doch ihr samt ihren Frauen und Mägden vergönnt sein, mit dem, was jeder lieb wäre und sie tragen könne, frei abzuziehen. Der Junker aber und die anderen Männer sollten bis auf weiteren Bescheid oben verbleiben. Der Landgraf setzte ihr für die Haltung dieses Versprechens seine fürstliche Treue zum Pfand.

Nachdem sie sich wieder zur Burg begeben hatten, bereitete sie sich mit ihren Frauen zum Abzug und gab denselben ihre Kleider und Kleinode zu tragen. Sie selbst aber nahm ihren Mann auf den Rücken und also zogen sie ab.

Da meinte zwar der Landgraf, von dem Junker sei in der Beredung keine Rede gewesen, doch sie sprach: »Was würde mir anders lieb und kostbar sein, wenn ich meinen Herrn in Todesgefahren hinter mir wissen sollte? Und bedünkt mich, Euch nicht zuwider getan zu haben, weil mir erlaubt worden war, mit zu tragen, was mir lieb sei. Deshalb habe ich meinen teuersten Schatz mit mir genommen.«

Solche Liebe und Treue brach des Landgrafen Zorn und er gab seinen blutigen Vorsatz auf.

Quellen: