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Die zugeriegelte Tür

Ein heiteres, neckisches Mädchen kam jedes Jahr bei entfernt wohnenden Verwandten zum Besuch und mit ihr zog ein frohes Treiben in die Familie ein. Sie machte Scherze jeder Art, besonders aber riegelte sie gern die Türen von innen zu, sodass man sie oft lange vergebens suchte, oder dass der oder jener herausgesperrt war und erst lange gute Worte geben musste, bevor sie ihn einließ.

Plötzlich bekam das Mädchen die Auszehrung, doch ahnte sie davon nichts und auch ihre Eltern und Geschwister hielten die Sache nicht für so sehr gefährlich. Die Krankheit nahm jedoch zu und das Mädchen musste sich zu Bett legen. Als nun der Tag herankam, wo sie zu ihren Verwandten abzureisen pflegte, erinnerte sie sich mit Freuden der vielen Scherze, welche sie bei denselben getrieben und rief: »Ach könnte ich dort nur noch einmal die Tür meines Schlafzimmers verriegeln!« Kaum hatte sie das Wort aus dem Munde, als sie tot auf ihr Kissen zurücksank.

Zur selben Stunde sprachen die fernen Verwandten von ihr und einer fragte, ob sie denn dieses Jahr nicht kommen werde. Man bezweifelte es wegen ihrer Krankheit und beklagte, dass ihr Stübchen wohl leer bleiben müsse. Ein Mitglied der Familie fühlte sich dadurch zu dem Stübchen hingezogen und ging, einen Augenblick darin zu verweilen. Doch als es an die Tür kam, war sie verschlossen, der Schlüssel steckte jedoch außen in der Tür. Man versuchte sie auf alle mögliche Weise zu öffnen, aber es gelang nicht. Da zerbrach man zuletzt ein Fenster und stieg ein und siehe, sie war von innen verschlossen. Zwei Tage danach traf die Todesnachricht ein und dabei war jene letzte Äußerung der Verstorbenen bemerkt. Jetzt war es den Verwandten klar, woher die Tür von innen verriegelt worden.

Quellen: