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Doktor Aphrasterus

Das war ein gescheiter Mann und der hatte seine Kunst auf folgende Weise gelernt. Er ging einmal im Wald herum, da hörte er unter einem Baum ein klägliches Wimmern und Stöhnen. Er sah nach, was das sein könne, fand aber nichts. Es schien ihm endlich, als komme die Stimme aus der Erde. Als er mit seinem Stock ein wenig stocherte, kam eine Flasche zum Vorschein, darin stöhnte es so sehr. Neugierig öffnete er sie, da zog ein weißer Rauch heraus, der wurde immer dichter.

Als er ganz heraus war, sprang aus dem Rauch ein riesiger Kerl, der rief: »Jetzt bist du mein!«

Der Doktor Aphrasterus ließ sich aber nicht irremachen, sondern sprach: »Jawohl, wenn du mich alle Zauberkunst lehren willst.«

»Da hast du sie«, rief der Kerl und warf ihm ein paar Zauberbücher vor die Füße.

»Du bist ein drolliger Kauz«, sagte der Doktor, »ich möchte nur wissen, wie du in die Flasche hast kommen können.«

»Hast ja gesehen, wie ich herauskam«, sprach der Kerl.

»Das warst du nicht, das war nur Dampf und Rauch«, sagte der Doktor.

»Will dir’s noch mal vormachen«, erwiderte der Kerl und wurde wieder zum Rauch, der in die Flasche schlupfte.

Da war der Doktor aber rasch bei der Hand, drückte den Stopfen auf die Flasche und vergrub sie so tief, als er nur graben konnte, kümmerte sich auch gar nicht darum, ob der Kerl dann schrie oder nicht. Dann packte er die Zauberbücher auf und ging nach Hause. Jetzt lernte er bald das Goldmachen, das Verwandeln und viele andere Dinge, die ihn zu einem reichen angesehenen Mann machten. Besonders aber wusste er jetzt eine Kunst, die war ihm vor allen lieb. Er konnte sich nämlich gegen alles Gift sichern und dadurch am Leben erhalten.

Er sagte selbst oft zu seinem Diener: »Es gibt nur ein Gift, welches mich töten kann, das ist das Magnetgift.«

So hatte er lang gelebt, da kam ein anderer berühmter Zauberer in die Stadt und mit dem geriet er in Streit.

Da suchte der Fremde ihn auf alle mögliche Art zu vergiften, aber Aphrasterus lachte dessen und trank und aß all das Gift, wie den besten Wein und Lebkuchen. Endlich, als nichts helfen wollte, brachte er ihm heimlich, und ohne dass der Doktor etwas merkte, das Magnetgift bei. Aphrasterus spürte dasselbe alsbald in seinen Eingeweiden. Er griff nach seiner Pistole, lud sie mit einer Kugel und schoss sie durch das Fenster ab. Als dann rief er seinen Diener und sprach: »Lauf schnell an das andere Ende der Stadt, wo der Zauberer wohnt und frage, wie es ihm geht.«

Der Diener eilte so schnell er konnte und brachte die Antwort zurück. Der Zauberer sei von einer Kugel getroffen gefunden worden, man wisse aber nicht, wer es getan habe.

»Ich will dir’s sagen, ich hab’s getan«, sprach Aphrasterus und gab dem Diener seine Zaubermixturen mit dem Befehl, sie in den Rhein zu werfen, denn er fühle sich seinem Ende nah.

Der Diener ging wohl an den Rhein, warf aber die Gläser nicht ins Wasser, sondern steckte sie in den Sack.

Als er wiederkam, fragte der Doktor: »Hast du sie ins Wasser geworfen?«

»Ja«, antwortete der Diener.

»Was hast du denn an dem Wasser bemerkt?«

»Nichts«, sagte der Diener.

»Willst du wohl schnell die Gläser ins Wasser werfen, oder willst du, dass ich dich erschieße, wie ich jenen Zauberer erschossen habe«, rief der Doktor im höchsten Zorn. Da lief der Diener, was er laufen konnte, an den Rhein und warf die Gläser in das Wasser, welches alsbald anfing, unruhig zu werden und gewaltige Wellen zu schlagen. Als er seinem Herrn dies hinterbrachte, lobte derselbe ihn und schenkte ihm so viel Geld, dass der Diener auf Lebenszeit genug daran hatte. Zwei Stunden später hatte Doktor Aphrasterus zu leben aufgehört.

Quellen: