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Die Schlange mit den Schlüsseln

Bei Eberstadt liegt die Torfmühle, da bekam vor längerer Zeit der Mahlknecht die Woche 20 Kreuzer mehr als in jeder anderen Mühle, denn es war da nicht geheuer. Einmal trat ein Sachse dort in Dienst, der war ein starker großer Mann und sprach immer, er fürchte sich vor nichts in der Welt. Als er am ersten Morgen mahlte, da kam gegen 11 Uhr ein kleines graues Männchen, das lief in der Mühle hin und her bis Schlag 12 Uhr, da verschwand es. Am anderen Tag kam es wieder und so jeden Tag wohl anderthalb Jahre lang, und der Knecht ließ es ruhig gewähren, doch sprach es nie auch nur eine Silbe.

Nun aber stellte es sich plötzlich eines Morgens gerade vor ihn und sprach: »Auf dich habe ich schon lange gewartet.«

»Ei, was du sagst«, sprach der Knecht. »Warum denn gerade auf mich?«

»Weil du Mut hast«, erwiderte das Männchen, »und mich erlösen und dich zum reichsten Mann in Hessen machen kannst.«

»Das wäre nicht so übel«, meinte der Knecht, »wie soll ich das denn anfangen?«

»Morgen Mittag komme ich in anderer Gestalt«, antwortete der Kleine, »und trage drei Schlüssel an mir. Wenn du mir die abnimmst und mit mir gehst, dann bist du geborgen für dein Leben lang.«

»Das kann geschehen«, sprach der Knecht.

Und da sprang das Männchen vor Freude hoch auf und lief weg.

Abends kam der Herr der Mühle, um nachzusehen, was der Knecht macht. Da erzählte ihm dieser alles und gestand dabei, dass es ihm doch ein wenig beklommen ums Herz sei.

»Gut«, sprach der Herr, »du bleibst um die Zeit in der Mühlstube, ich halte mich in der Mühle versteckt. Will dir der kleine Kerl etwas anhaben, dann rufe nur, und ich springe dir bei.«

Gesagt, getan. Der Knecht setzte sich gegen elf Uhr in die Stube an den Tisch und las, wie die Sachsen denn meist gerne lesen, in einem seiner Bücher. So mochte er etwa eine halbe Stunde gesessen haben, da sprang die Tür auf. Er sah um sich, aber es war noch nichts zu sehen und er las weiter. Bald nachher hörte er etwas rasseln, er blickte unter den Tisch, woher der Ton kam und da glotzte ihn eine armdicke Schlange mit großen Augen an. Sie hielt drei Schlüssel im Maul und schüttelte immer mit ihrem dicken Kopf. Da erfasste den Knecht aber solch eine Angst, dass er stumm und starr, wie festgespannt da saß und nicht wagte, der Schlange die Schlüssel abzunehmen. Diese sah ihn aber immer flehender an, je mehr die Zeit verstrich und legte gar ihren Kopf, wie ein getreuer Hund es tut, auf sein Knie, sodass er nur die Hand zu öffnen brauchte. Aber da zog er die Hand zurück und fiel gar in Ohnmacht. Nach zwölf Uhr kam der Herr, um nach ihm zu sehen. Da lag er wie tot da und regte kein Glied.

Als er aber wieder zu sich kam, war sein erstes Wort: »Hier bleibe ich nicht.«

Und er schnürte noch am selben Tag sein Bündel und zog seines Weges. Von dem Männchen aber hat man nie wieder etwas gesehen.

Quellen: