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Der Mann auf dem Dreimärker

Ein Mann in Oberkainsbach saß eines Abends mit seiner Frau beim Kartoffelschälen, als es plötzlich an seinem Fenster klopfte. Anfangs achtete er nicht darauf, doch als es zum zweiten und dritten Mal klopfte, ging er hinaus. Draußen fand er drei Herren in seltsamer Tracht vor. Der eine von ihnen, welcher ein Jäger zu sein schien, sprach zu dem Bauern, er solle am nächsten Abend mit einem Sack, den ein Mädchen nicht älter als sieben Jahre gesponnen, einer neuen Hacke und einem noch ungebrauchten Grabscheit auf den Schnellerts hinaufgehen und sich auf den oben stehenden Dreimärker setzen, so werde er sein Glück machen. Der Mann willigte ein und die drei verschwanden. Am folgenden Tage verschaffte sich der Bauer die drei erforderlichen Dinge. Als es zu dämmern anfing, ging er damit hinauf und setzte sich auf besagten, unweit der Burgtrümmer befindlichen Stein. Er hatte lange gesessen und wollte schon wieder heimgehen, da kam plötzlich drüben vom Rodenstein etwas gleich einer Wolke herangezogen. Es kam näher und näher und ließ sich endlich auf die Ruinen nieder. Da stand auf einmal eine große, schöne Burg da. Aus dem Tor trat jener Jäger und hieß den Bauern aufstehen und mit ihm hineingehen. Sie stiegen eine schöne Schlosstreppe hinauf und kamen in einen großen hell erleuchteten Saal, wo auf einer mit allerlei Geschirr beladenen Tafel eine Menge fröhlicher Herren in altertümlichen Kleidern und Rüstungen saßen. Sie aßen und tranken und verursachten mit Schreien, Reden und Singen einen großen Lärm. Der Jäger sagte, das wären die Herren vom Rodenstein und Schnellerts. Sie hielten Verspruch zu einem Handstreich. Er setzte sich mit dem Bauern unten an die Tafel, warnte ihn aber, er solle von Speis und Trank ja nichts anrühren.

Als die Herren nach der Tafel noch eine Weile gezecht hatten, standen sie auf und eilten immer fröhlicher lärmend zum Saal hinaus. Der Jäger sagte zu dem Mann, er solle ihm in den Schlosshof folgen. Es gehe auf die Jagd. Er, der Bauer, müsse auch mit hinaus, solle sich nur immer bei ihm halten und ihm folgen, was auch geschehen möge, sich jedoch wohl hüten, ein Wort zu sprechen. Sie gingen hinab und fanden unten im Hof die ganze Gesellschaft mit dem Jagdgerät und eine Menge großer, schneeweißer Windspiele, welche mit lautem Gebell um die Herren herumsprangen. Der Jäger wurde von allen willkommen geheißen, zu dem Bauern aber sprach keiner etwas. Es war, als sei er gar nicht da. Es ging lustig zum Tor hinaus und in den mondhellen Wald hinein.

Voran sprangen die Hunde und ließen vor Gier die Zunge aus dem Halse hängen. Dicht hinter ihnen folgte der Jäger mit zwei schön gekleideten Prinzen, welche dem Mann schon bei der Tafel aufgefallen waren und von denen er später sagte, es seien wohl dieselben Männer gewesen, die an jenem Abend mit dem Jäger an seinem Fenster geklopft hätten. Es ging so schnell, dass dem Bauern fast der Atem stockte, doch hielt er sich immer dicht hinter dem Jäger, welcher beständig die Hunde anfeuerte und hetzte. Plötzlich schlugen sie ein wütendes Gebell an und aus dem Gebüsch drang ein herzzerreißendes Jammergeschrei. »Sie werden doch keinen Menschen angefallen haben«, rief der eine Prinz und wollte hinzueilen, doch der andere hielt ihn zurück, indem er sprach: »Sei es Mensch oder Vieh, das gilt mir alles gleich.« Als sie näher kamen und der Jäger die Hunde auseinander trieb, lag an der Erde der blutige und zerrissene Leichnam eines Kapuziners in einer braunen Kutte. Nun hob der eine Prinz ein großes Wehklagen an, der andere aber lachte und ließ den Leichnam durch ein paar Jäger forttragen. Die Jagd hatte ein Ende, der gute Prinz hörte jedoch nicht auf, dem bösen Vorwürfe zu machen. Das tat er auf dem ganzen Heimweg. Als er es aber auch im Schlosshof nicht aufgab, ward der andere wild, zog seinen Hirschfänger, stieß ihm denselben in die Brust und lief dann in den Stall. Einen Augenblick darauf kehrte er wieder zurück, auf einem stolzen Pferd sitzend, dem gab er die Sporen und sprengte mit einem gewaltigen Satz über die Schlossmauer. Da hörte man einen dumpfen Fall, der Jäger aber sprach: »Er hat das Genick gebrochen, jetzt müssen wir fort in das Schloss und den Kapuziner suchen.« Sie gingen nun miteinander in die Burg zurück. Der Jäger schloss ein Zimmer nach dem andern auf und stellte dabei immer ein Licht innen und eins außen an die Thür, aber sie konnten den Kapuziner nicht finden. Endlich kamen sie in einen dunklen kalten Keller, da lag die blutige Leiche des armen Mönchs. Nun befahl ihm der Jäger, den Leichnam in den Sack zu stecken. Der Bauer griff zu und hatte ihn schon mit den Füssen im Sack. Da hörte er hinter sich: »Hau! Hau! Hau!« Er drehte sich um und sah die großen Windhunde, welche die Leiche packen wollten. »Geht ihr los, oder …«, rief er und schlug mit dem Grabscheit nach ihnen, doch da war mit einem male alles verschwunden – Jäger, Hunde, Keller und Schloss. Und der Mann fand sich im Mondschein allein auf dem Dreimärker.

Das alles hat er viele Male erzählt und dabei gesagt, so möge es einmal wirklich vorgefallen sein, und wenn er sich nicht durch die Hunde hatte irremachen lassen und die Leiche hinausgetragen und begraben hätte, dann brauchte er jetzt keine Kartoffeln mehr zu essen.

Quellen: