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S. Karl Th. I. S. 22, nach Hirsch, die Oberpfarrkirche von St. Marien.
Einst lebte in Danzig ein sehr geschickter Uhrmacher, ein geborener Nürnberger, Namens Hans Düringer, der auch in Anfertigung von beweglichen Bildwerken sehr geübt war. Demselben ward vom Rathe zu Danzig der Auftrag ertheilt, auch für die Pfarrkirche zu St. Marien eine mechanische Uhr zu verfertigen, wie man solche sonst für Kirchen und Rathhäuser mit großen Kosten anzuschaffen pflegte und wie deren noch der Straßburger Münster und das Rathhaus zu Prag besitzen, während andere dergl. wie die zu Olmütz und Bern etc. schon längst nicht mehr im Gange sind. Der Künstler beschloß ein Werk zu liefern, wie noch keines existire, machte sich seinen Plan und brachte endlich nach jahrelanger unausgesetzter Arbeit wirklich ein Kunstwerk ersten Ranges zu Stande. Die Uhr ward an einem ersten Pfingstfeiertage enthüllt. Sie bestand aus zwei Scheiben, von denen die untere Sonne, Mond und Planeten und die obere die Kalenderzeichen enthielt und zu bestimmten Zeiten bald die Verkündigung Mariä, bald die Anbetung der h. drei Könige darstellte. Sie zeigte den Auf- und Niedergang der Sonne und des Mondes für jeden Tag des ganzen Jahres, den Lauf der Planeten und der Zeichen des Thierkreises, den gesammten Sternhimmel, den Kalender und die beweglichen Festtage, an welchen, wie auch an den Sonntagen, bewegliche Gruppen die an denselben zu erklärenden Evangelienstellen abbildeten. Ueber den Scheiben lief eine Galerie hin, an deren einem Ende bei jedem Glockenschlage ein Apostel erschien, die Galerie durchschritt und am andern Ende wieder verschwand. Ueber dieser standen Adam und Eva, welche bei jeder Stunde eine kleine Glocke zogen, und neben ihnen die vier Jahreszeiten, die jedesmal herrschende stand vor den andern. Für dieses kostbare Kunstwerk erhielt der Künstler von den Vorstehern der Kirche 390 Mark und für seine ganze Lebenszeit freie Wohnung und jährlich noch 24 Mark, er mußte aber dafür die Uhr im Gange erhalten.
Der Ruf dieser Uhr verbreitete sich in ganz Deutschland und so war es kein Wunder, daß auch andere Städte auf die Idee kamen, sich von demselben Künstler dergleichen Kunstwerke anfertigen zu lassen. So berief denn der Stadtrath von Lübeck unsern Düringer um ein ähnliches Uhrwerk für die dortige Oberpfarrkirche herzustellen. Allein kaum hatte der damalige Bürgermeister von Danzig erfahren, daß der Künstler die Absicht hege, dem Wunsche der Lübecker zu entsprechen, so beschloß er auch, es möge kosten was es wolle, denselben zu hindern ein zweites Kunstwerk zu verfertigen, Danzig sollte allein den Ruhm haben ein solches zu besitzen. Er ließ ihn also zu sich entbieten, fragte ihn, ob es wahr sei, daß er einen Ruf nach Lübeck erhalten und ihn angenommen habe, und als er solches bejaht, zahlte er ihm erst seinen Jahrgehalt auf das nächste Jahr und dann noch eine besondere Gratification von 100 Mark aus, von der er sagte, daß diese von ihm als ein Nothpfennig für die Zukunft betrachtet werden möge, dann aber hieß er ihn noch einmal zum Fenster hinauszuschauen und sich zum letzten Male den Thurm der Pfarrkirche, den Artushof und die von hier aus zu übersehenden Straßen anzusehen, denn es sei sein fester Wille, er solle niemals wieder das Licht der Sonne erblicken, und obwohl ihm der Künstler zu Füßen sank und, weil er den Grund seines grausamen Befehles vermuthete, aufs Heiligste schwur, er wolle nie wieder seine Hand an eine ähnliche Arbeit legen, es half alles nichts, er rief zwei im Nebenzimmer versteckte Henkersknechte herein, dieselben banden den Künstler und fuhren ihm mit einem glühenden Eisen über die Augen und vernichteten für alle Zeiten seine Sehkraft. Man führte ihn nach Hause und glaubte genug gethan zu haben, wenn man ihn vor Mangel schützte. Hier brütete der Unglückliche nun über Racheplänen gegen seinen Peiniger. Siehe da bot sich eine willkommene Gelegenheit dazu dar. Durch irgend einen Umstand war an dem Gange der Uhr eine Kleinigkeit in Unordnung gerathen, kein anderer Uhrmacher in der Stadt wagte sich an dieselbe und so sah sich der Rath genöthigt, wenn auch ungern den Verfertiger zu bitten, die Reparatur der Uhr vorzunehmen: das war es, was er gewünscht hatte. Man führte den Geblendeten auf die Galerie, bald schritt er zwischen den Rädern auf und ab, indem er bald dieses bald jenes betastete, plötzlich faßte er das Haupttriebrad, griff mit voller Kraft hinein und drehte es verkehrt herum und da rollten alle Räder, alle Zeiger kreisten, die Figuren liefen durcheinander und die Gewichte stürzten losgerissen hinab, der Künstler aber benutzte das allgemeine Erstaunen, schwang sich über die Galerie und stürzte zerschmettert auf den Steinboden hinab. Seit dieser Stunde geht die Uhr nicht mehr, große Summen sind ausgegeben worden um sie wieder herzustellen, allein noch kein Uhrmacher hat es vermocht sich in den Geist ihres Verfertigers hineinzudenken.1)
Quelle: Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71