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Hahn beim Schake

  Neue Sammlung merkwürdiger Geschichten von unterirdischen 
  Schäßen u. s. w., zusammengetragen von C. E. F. S. 41.

Vor einigen Jahren ist daselbst selig verstorben der Herzogl. Gothaische Major Eckart, welcher vorher Hofverwalter auf dem Schloß Friedenstein gewesen. Bei dieser seiner Station hat es sich oft zugetragen, daß er bei Solennitäten bis in die späte Nacht bei Hofe bleiben müssen, da er denn manchmal die übrige Nacht droben geblieben, sich in einer Hofstube auf eine Bank gelegt und darauf geschlafen. Einsmals stoßet ihn etwas an, daß er darüber erwacht. In der Stube war er ganz allein gewesen und ein brennend Licht hatte auf dem Tische gestanden. Er erblickt vor sich einen Geist, welcher ihm durch Winken und allerhand Zeichen zu verstehen gibt, er solle ihm nachfolgen. Der Herr Hofverwalter Eckart, als ein beherzter Mann, der vorher, ehe er in solche Station kommen, einige Jahre in Italien bei den herz. goth. Truppen gedient, wagt es, nimmt das Licht vom Tische und geht dem Geiste nach. Dieser führet ihn durch unterschiedliche Gänge in ein finsteres Gewölbe, worin er einen großen Kessel voll Goldstucke erblickt, und der Geist ermahnt ihn, daß er zugreifen und diesen Schatz heben sollte. Es kommt ihm aber plötzlich ein Grauen und Entsehen an, und retiriret sich, so geschwinde er kann. Der Geist gehet ihm nach bis in die Hofstube, und ermahnt mit sehr beweglichen Geberden, er solle wieder mit ihm zurückkehren und solchen Schatz heben; dabei lässet er sich vernehmen: er solle zwei Theile davon seiner fürstlich gnädigsten Herrschaft zustellen, den dritten Theil aber für sich behalten, da würde er daran seine Lebtage genug haben. Er will aber durchaus nicht wieder mitgehen. Endlich verläßt ihn der Geist ganz wehmuthig. Den Tag darauf eroffnet er solches seinem gnädigsten Fürsten und Herrn, dem hochsel. Herzoge, Friderico II, und bittet unterthänigst um einen Verhaltungsbefehl, wenn dieser Geist etwa wiederkommen und ihn mitzugehn anhalten sollte. Dieser preiswurdigste Herzog spricht: er wolle es ihm nicht befehlen, daß er mitgehn sollte; wenn er aus eigenem Triebe mitgehn wollte, so möchte er es auf seine Gefahr thun. Einige Zeit träget es sich zu, daß er wieder über Nacht in solcher Hofstube bleibet. Des Morgens findet man selbige fest verschlossen. Die Hofbedienten, welche gewußt, daß er über Nacht in selbiger geblieben, klopfen an, es will aber Niemand hören. Als es schon hoch am Tage, klopfen sie noch stärker an, und als Niemand hören will, rufen sie so stark, als sie können, es will aber kein Herr Hofverwalter hören. Endlich kommt es dahin, daß die Thür muß aufgebrochen werden. Da sie nun hineinkommen, finden sie ihn mit dem Kopfe auf dem Tische liegend. Sie richten ihn in die Höhe und spären, daß er noch lebe, sie halten ihm einen starken Spiritum vor, daß er sich endlich wieder ermuntert; es kann aber Niemand aus ihm bringen, was ihm begegnet wäre.

So viel hat man erfahren, daß er einer gewissen vornehmen geistlichen Person in Gotha eroffnet: der Geist ware wieder zu ihm gekommen und habe sehr wehmüthig angehalten, er solle mitgehen und den Schatz heben, er wäre ihm bescheeret und er könnte nicht eher Ruhe haben, bis solcher Schaß von ihm gehoben worden. Er solle sich vor nichts fürchten. Es würde sich dabei nur eine Figur präsentiren, wie ein welscher Hahn, der würde ihm zwischen den Beinen hinfahren, aber keinen Schaden thun. Hierauf würde er ungehindert den Schatz fortschaffen können, welcher am Werthe 40,000 Thaler betrage. Als er sich nun durchaus nicht zum Mitgehen bequemen wollen, habe der Geist solche wehmüthige und entsekliche Geberden gemacht, daß er darüber in eine Ohnmacht gerathen und weiter nicht wisse, was mit ihm vorgegangen, bis man ihn wieder durch Anstreichen zu sich selbst gebracht habe. Er habe hierauf diese geistliche Person um Rath gefragt, wie er sich verhalten solle, wenn er etwa noch einmal in solche Versuchung geführt werden sollte, ob er solle mitgehen oder nicht. Dieser Geistliche aber hat ihm durchaus nicht zum Mitgehn rathen wollen. Nachgehends ist er niemals mehr über Nacht in solcher Hofstube geblieben, sondern_allezeit, wenn es auch noch so spät in der Nacht gewesen, nach Hause gegangen. Dieses alles hat mir eine in einem öffentlichen Lehramte stehende glaubwürdige Person erzählt, welche mit dem sel. Herrn Major Eckart in naher Blutsverwandtschaft gestanden.

Quellen: