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Spuk im Kloster der Tempelherren zu Ypern

  Beschryving der stad Ypern. Ms.

Im Jahre 1320 am achten des Blüthemonates begann man zu Ypern mit dem Abbruche der Kirche und des Klosters der ehemaligen Tempelherren, welches in in der Vorstadt vor dem Templerthore stand. Dieses Kloster war an einen Bauern, Namens Koppen Goeman, vermiethet gewesen, der viele Knechte und Mägde und eine Menge Vieh hatte.

In den ersten Tagen, wo er in dem Kloster wohnte, hörten und sahen sie häufig Spukereien, und das nahm immer mehr und mehr zu. Oft vernahmen sie, besonders bei der Nacht, auf allen Zimmern ein groß Gerausch, wie wenn viele Menschen daselbst rundgegangen oder gelaufen wären, hörten auch dazwischen klärlich rufen: „Mord! Mord! Mord!“ Häufig sahen sie Tempelherren den Kopf durch die Speicherfenster stecken. Es ist auch geschehen, daß, als einmal eine der Kühe ein Kalb geworfen hatte, dies Kalb zur selben Stunde aus dem Stalle lief und gleich einem Affen auf einen hohen Eichbaum kletterte, wo es in der Krone sitzen blieb; man hat es nur mit großer Mühe wieder herabholen können.

Wenn man in der Küche Mehlbrei machte, dann wurde meistens von unsichtbarer Hand ein Templerschuh1) mit solcher Gewalt hineingeworfen, daß der Brei allen Herumstehenden oder Sitzen den in das Gesicht flog. Ein andermal wollte die Bauerin Waffeln backen, aber der Teig gohr so stark, daß er drohte über den Rand des Mengbacks zu laufen, und als sie davon in andere Kessel und Töpfe ausschöpfte, stieg er in all diesen gleichfalls bis zum Rande und als alles Geschirr voll war, da gohr er so lange, bis er alle auf der Erde lag. Oft wenn die Magd die Kuh melkte, wurde das arme Thier plötzlich auf den Rücken geworfen und aus den vier Eutern sprang die Milch empor wie aus vier Springbrunnen.

Einmal wurde das Kuhmädchen selbst von unsichtbarer Hand rittlings auf den Rücken der Kuh gesetzt, die alsdann wie toll zwanzig bis dreißig Mal also rund rannte auf der Weide, schneller als das schnellste Postpferd und zuletzt das Mädchen abschüttelte. Der Schäfer kam eines Morgens in den Stall, aber da war kein Schaf zu sehen; da hörte er sie draußen schreien, trat vor die Thure und siehe, all die Schafe saßen rittlings auf dem First des Daches, von wo sie nur mit großer Mühe wieder herabgeholt werden konnten.

Nicht selten hörte man Nachts alle Thüren des Hauses mit solcher Gewalt auf und zuschlagen, daß das ganze Gebäude erbebte. Im Sommer wurden häufig die Aepfel und Birnen alle von den Bäumen gerissen und damit die Fenster eingeworfen, so daß es wie Früchte hagelte und die Glasstücke klingend links und rechts stoben, ohne daß man jedoch Jemand in dem Baumgarten sah. Trat man dann aber später zu den Fenstern, dann war nicht eine Scheibe zerbrochen und die Früchte hingen alle wieder auf den Bäumen.

Da es auf die Weise kein Mensch in dem Kloster aushalten konnte, war man endlich wol genöthigt, es abzubrechen. Nachdem hat man von keinen Spukereien auf der Stelle mehr gehört.

Quelle: Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845


1)
Große Schuhe, an den Zehen breit, platt und mit hohen Absagen.