<<< vorherige Sage | Deutsche Märchen und Sagen | nächste Sage >>>

Reiter sonder Haupt

  Erasmi Francisci höllischer Proteus. S. 472. 
  S. de Bries, de Satan II. S. 332.

Ein gefreiter Corporal ging eines Tages von Weingarten nach Heidelberg. Als er bei der Stadt ankam, fand er das Thor bereits geschlossen, nahm darum seinen Weg einem andern Thor zu, welches er noch offen zu finden hoffte. Während er nun so schnell als möglich am Stadtgraben vorbeilief, hörte er plötzlich einen Reiter hinter sich, der in starkem Trabe auf ihn zukam; da er meinte, der Reiter wolle, gleich ihm, auch noch in die Stadt, so schaute er um und sah denselben von weitem auf einem weißen Pferde herbeijagen; als er ihm aber näher kam, gewahrte er, daß es ein schwarzer Kerl sonder Haupt war. An der Stelle, wo er sich just befand und der Andere ritt, war das Ausweichen schwer; das machte den Corporal umsomehr ängstlich, als es klar war, daß das kein natürlicher Reiter sein konnte. In der Verlegenheit zog er endlich den Degen und bot dem auf ihn frisch Zurückenden die Spitze. Da verschwand der Reiter zwar, doch der Corporal wurde von einem heftigen Winde erfaßt und kam stark in Gefahr, in den Stadtgraben geschmissen zu werden, doch leistete er tüchtig Widerstand und hielt sich je länger, je weiter vom Wasser ab. Da flog ihm der Hut plötzlich vom Kopfe und zugleich fühlte er sich bei den Haaren ergriffen und von der Erde aufgehoben. Nun wuchs seine Angst noch mehr; er nahm all seine Kraft zusammen und floh, so schnell er konnte, dem nächsten Dorfe zu, wo er die Nacht über blieb.

Quelle: Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845