Rolf Reuter, Keldenich. In Heimatkalender Kreis Schleiden 1962 (13 Jahre, 8. Schuljahr)
Meine Geschwister und ich gingen zur Oma. Sie hatte Namenstag. Nach dem Kaffeetrinken gingen wir hinauf in ihr Kämmerlein. Sie selber ging mit. Oben erzählte sie uns eine Geschichte:
Als meiner Urgroßmutter Großmutter noch lebte, da ging ein Mann in dunkler, unheimlicher Nacht nach Rosenthal. Er wollte Korn zu Mehl gemahlen haben. Alle Einwohner Keldenichs mussten eigentlich ihr Korn in eine Zwangsmühle tragen. Das taten sie aber mit Murren, denn der Müller mahlte schlechtes Mehl. Also packte der Mann seinen Sack voll Getreide und ging ins Düstere los. Er traf den Müller schon im Bett an. Doch der zog sich schnell an und kam herunter. Er lud den Mann zu einem Schoppen Gerstenmet ein. Danach mahlte er das Korn zu Mehl. Auf dem Rückweg ging der Keldenicher durch den Wald. Vor ihm sprang ein Häschen auf. Ein Käuzchen schrie. Der Wind rauschte in den Baumkronen. Da! Was war das? Der Wind trug ihm ein Geräusch zu, das sich wie Goldzählen anhörte. -
Hier legte Großmutter eine Pause ein. Sie trank einen Schluck Kaffee und aß ein wenig Kuchen. Dann erzählte sie weiter: Wisst ihr, wie es weitergeht? - Er ging dem Geräusch nach. Ein Licht zuckte zwischen den Bäumen hindurch. Leise, ganz leise stellte er seine Kiepe mit dem Sack darin gegen einen Baumstamm. Er duckte sich an den Felsen entlang und pirschte sich näher. Vor einem Vorsprung hielt er inne und lugte zwischen den Felsbrocken hindurch. Er sah eine geräumige Höhle, die von einem Kienspan hell erleuchtet war. In einer Nische saß ein Zwerg und - Donner und Doria! - vor ihm lag ein Haufen blinkender Goldstücke. Er rutschte hinab und blieb wie erstarrt stehen. Der Zwerg packte mit beiden Händen in das Gold hinein, hob es in die Höhe und ließ es wieder hinabfallen. Das klang, wie wenn tausend feine Glöckchen läuteten. Der Mann bekam Stielaugen. Er stierte auf das Gold, das da lag. Da - ein Zweig knackte unter seinem Fuße. Der Zwerg fuhr herum und sah den gaffenden Mann, der immer noch auf das Gold starrte.
„Möchtest wohl auch etwas davon haben?“ fragte er mit seiner hohen Fistelstimme. Der Mann antwortete nichts. „Willst wohl etwas mehr?“ fragte der Wichtel. Jener antwortete: „Puh, einen ganzen Scheffel voll könnte ich brauchen.“ „Dann lauf nach Hause und hol dir deinen Scheffel.“ Das ließ der Mann sich nicht zweimal sagen. Er drehte sich wie der Blitz um und sprang über Stock und Stein schnurstracks nach Hause. Dort angekommen, polterte er die Treppe hinan auf den Speicher und suchte seinen Scheffel.
„Wo willst du hin?“ fragte schlaftrunken und gähnend seine Frau, „es ist doch erst zwei Uhr.“ „Nirgends!“ brüllte der Mann, bullerte die Treppe wieder herunter und verschwand. Hastig rannte er wieder dem Acherloch zu, wo er reich zu werden glaubte. Er malte sich seine Zukunft in den rosigsten Farben aus. Außer Atem langte er wieder an den Felsen an und stieg hinab. Doch kein Licht brannte, kein Zwerg und kein Gold waren da. Müde und zerschlagen quälte er sich die Kiepe wieder auf den Rücken und trottete heimwärts. Jetzt musste er auch noch den eisenbeschlagenen Scheffel mitschleppen. Er wusch sich zu Hause am Brunnen und legte sich müde und verdrossen schlafen.
So hatte ihm der Zwerg eine gute Lehre erteilt„, schloss die Oma. Da rief auch schon die Mutter, die uns mahnte, uns anzuziehen. Also nahmen wir Abschied von der Oma und zogen los. Diese Geschichte kann ich nie vergessen.
Quelle: www.sophie-lange.de