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Mündlich vom Schmied aus Kieselwitz
In Sembten gab es früher einen Zauberkünstler, Namens W., der auch Gewalt über die Hexen hatte.
Vor etwa sechzig Jahren gab es einen Schmiedemeister T. in Göhlen. Derselbe ging eines Tages in die Heide, um dort Holzkohlen zu schmielen. Seine Frau trug ihm das Mittagessen, einen Topf mit Grütze, nach. Als der Mann aß, sagte er zu seiner Frau: „Warum hast du denn die Grütze mit Fett gemacht? Es stehen doch zwei Kühe in deinem Stalle!“ - „Ja, Vater,“ erwiderte sie, „die Kühe melken Blut!“ - „Dann geh nur heute noch nach Sembten zum klugen Manne!“ sprach der Schmied.
Als die Frau dorthin kam , staunte sie nicht wenig, als der Zauberer genau anzugeben wußte, wie ihre Kühe aussahen und wie viel Thüren sie an ihrem Stalle hatte. Er ging in die Kammer und murmelte dort eine Weile, kam dann wieder heraus und sagte ihr: „Deine Kühe sind behext, geh getrost nach Hause, sie werden schon wieder Milch geben, komm aber in drei Tagen noch einmal her.“
Es wurde wirklich sofort alles gut. Darum ging die Frau am dritten Tage nicht wieder hin. Am nächsten Morgen war es beim Melken auf dem alten Flecke. Sogleich lief sie nach Sembten zum klugen Manne. Der sprach zu ihr: „Frau, warum bist du nicht wiedergekommen? Sieh meine dicke Nase! Die Hexe ist über mich gekommen; aber laß gut sein, ich habe doch noch Gewalt über sie. Wenn es dein Wille ist, dann kostet es jetzt ihr Leben!“ - „Ach nein,“ sagte die Frau, „das wäre mein Wille doch nicht; ich bin schon zufrieden, wenn meine Kühe wieder gesund werden.„ - „Nun, so geh nach Hause,“ sprach er, „ich werde am Sonntag zu euch kommen; paßt aber auf; denn an diesem Tage wird die Hexe kurz vor mir auf eurem Hofe erscheinen; laßt daher keinen Menschen, der euch besucht, unbeobachtet, damit er nicht etwas von eurem Hofe mitnehmen kann.“
Als die Leute anfingen zur Kirche zu gehen, kam ein Weib auf den Hof und wollte sich ein bißchen Petersilie borgen. Der Schmied und seine Frau gingen schnell zum Hause hinaus, gaben ihr aber nichts. Das Weib hatte aber solch ein Schneiden in den Därmen, daß sie sich vor Schmerzen ganz krumm bog.
Wenige Minuten später kam der kluge Mann. Er sagte: „Habe ich es euch nicht gesagt, die thut euch nichts mehr.“
Es hieß, die Hexe hätte alle Nächte nackend herausgehen und sich waschen müssen.
Quelle: Niederlausitzer Volkssagen vornehmlich aus dem Stadt- und Landkreis Guben, gesammelt und zusammengestellt von Karl Gander, Berlin, Deutsche Schriftsteller-Genossenschaft, 1894