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Es war ein Bauer, der hatte zwei Söhne, und der eine war klug, der andere dumm. Und es war die Rede, an einem Orte wären ein Graf und drei Mädchen verwünscht, und dem viel versprochen, wer sie erlöste.
Da schickte der Bauer den Klugen aus. Der nahm sein Pferd und verschiedene Sachen und machte sich auf den Weg. Unterwegs traf er Ameisenhaufen und schlug sie alle auseinander, und wenn er an Teiche kam, schlug er die Entchen todt. Wie er nun zum verwünschten Grafen kam, sollte er einen viertel Scheffel Leinsamen1) ins Gras werfen und wieder in einer halben Stunde sammeln. Weil er aber, mit seinem Säbel, stolz war, wollte er es nicht thun. Dann kamen drei Entchen, brachten drei Schlüssel und warfen sie ins Wasser; die sollte er herausholen. Aber er konnte sie nicht herausholen, denn er hatte vorher die Entchen immer todtgemacht und verliess sich nur auf seine Kraft. Zuletzt kam er in den Schlosshof. Da scheuchte es sehr des Nachts in einer Stube, so dass keiner die Nacht da verleben konnte. Da kam ein kleiner Mann und der Kluge erzählte ihm, was er vorhätte. Und der kleine Mann rieth ab und sagte: »Du wirst es nicht aushalten«. Aber der Kluge hatte keine Furcht und ging Nachts in die Stube. Wie sie beide hineinkamen, fing es an zu »rudeln« und zu »tudeln« und er wurde geführt von oben nach unten, immer treppauf, treppab, und musste froh sein, dass er mit dem Leben davon kam.
Da schickte der Bauer den Dummen hin. Und der Kluge sagte: »Schickt den nicht hin, der kommt gleich heute ums Leben.« Der Dumme nahm seine schlechten Kleider und sein Pferd, machte sich auf den Weg. Unterwegs traf er die Ameisen und machte die Haufen wieder zusammen. Dann fand er manchen Teich und fütterte manch' Entchen mit Brot. Weiter fand er einen Bienenschwarm2) und brachte die Bienen zusammen, dass sie nicht Noth litten. Zuletzt kam er an dass Schloss und ging auf den Hof. Da kam der alte Mann vor die Thüre und fragte: »Was wollt Ihr?« Da sagte der Dumme: »Ich will die Verwünschten erretten«. Und der alte Mann sagte: »Da müsst Ihr drei Probestücke machen,« und schüttete ihm ein Viertel Leinsamen ins Gras, die sollten in einer halben Stunde wieder zusammen sein. Und der dumme Hans quälte sich und konnte sie nicht zusammenbringen. Da kamen die Ameisen und halfen ihm und nach einer viertel Stunde war alles im Viertel. Dann kam der alte Mann wieder und warf drei Schlüssel ins Wasser. Die sollte Hans in einer Stunde herausholen, aber er versuchte es und konnte nicht. Da kamen alle die Entchen, die er unterwegs gefüttert hatte, und holten die Schlüssel aus dem Wasser. Dann sagte der alte Mann: »Ein Probestück müsst Ihr noch machen«, und Hans wurde in die oberste (Dach-) Stube gebracht und darin waren drei Mädchen. Das waren die Verwünschten und die von ihnen sollte er treffen, die erlöst sein sollte; wenn nicht, büsste er sein Leben ein. Nun musste er rathen, welche es wäre. Da machte sich oben in der Stube von selbst ein Fenster auf und Bienenschwärme kamen zum Fenster hinein, flogen in der Stube herum und schwärmten immer in der Mitte. Und weil in der Mitte die eine der dreie stand, rieth er auf sie und sagte:
»Die Mitte, die Mitte,
Das war die beste,
Die erste und die letzte«. S.
Quelle: Schulenburg, Willibald von: Wendisches Volksthum in Sage, Brauch und Sitte. Berlin: Nicolai, 1882, S. 20-21.