[[sagen:werra221| <<< zurück]] | **[[buch:werrasagen|Sagen der mittleren Werra]]** | [[sagen:werra223| weiter >>>]] ====== Die Christmette in der Husenkirche ====== Da bei dem großen Brande im Jahre 1786 in Salzungen auch die Stadtkirche in Asche gelegt war, wurde der Gottesdienst Noth halber in der Gottesackerkirche Husen abgehalten. Damals geschah es, daß eine Frau von Hermannsroda in der Christmette zum Abendmahl gehen wollte. Um sich nicht zu verschlafen, ging sie frühzeitig zu Bette. Als sie in der Nacht erwachte und an's Fenster trat, kam es ihr schon so tageshell vor, daß sie, weil sie keine Uhr hatte, sich schnell aufraffte und auf den Weg nach Husen machte. Und richtig, als sie durch das Thor auf den Friedhof trat, sah sie die Fenster der kleinen Kirche schon hell erleuchtet und eben verklangen die lezten Akkorde des Chorals. Raschen Schrittes eilte sie zwischen den Gräbern nach der Kirchthüre, wo es ihr erst auffiel, daß nirgends Fußtapfen, ihre eigenen abgerechnet, in dem frischgefallenen Schnee zu bemerken waren. Doch als sie in dem Augenblick die Stimme des Geistlichen vernahm, so dachte sie nicht weiter darüber nach und trat ungesäumt durch die nur angelehnte Thür in die Kirche. Diese war gedrückt voll von Menschen, und schon stand der Pfarrer am Altare. Mit Mühe bekam sie noch einen Platz. Kaum hatte sie sich ordentlich niedergesezt, als ihr auch schon die fremde unbekannte Stimme des Geistlichen auffiel. Sie betrachtete ihn genauer, allein wo sie den hinthun sollte, das wußte sie nicht. Es überlief sie ein Frösteln, denn Alles hier kam ihr heute sonderbar vor. Sie wandte sich an ihre Nachbarin zur Rechten, allein fast zu Tode erschrak sie, als sie derselben in das grauenhafte wie mit Spinnweben überzogene Gesicht blickte. In der Angst griff sie nach der Hand ihrer Nachbarin zur Linken, die aber war kalt wie Stein. Rasch wollte sie die ihrige zurückziehen, doch sie wurde von der Nachbarin festgehalten. In diesem Augenblick tönte von der Stadt her das helle Glöckchen auf dem Thurme des „neuen Thores“. Es schlug 1 Uhr. Neuer Schrecken, neues Entsehen der Frau! Ihre Nachbarin, in der sie nun eine längst verstorbene Bekannte erblickte, ließ ihre Hand los und mit einem gellenden Schrei stürzte die von Hermannsroda bewußtlos zu Boden. So fanden die Frau einige Stunden später der Küster und seine Leute. Mit Mühe brachte sie der Arzt in ihrem Hause wieder zum Bewußtsein. Doch starb sie noch selbigen Tages an den Folgen des gehabten Schreckens, nachdem sie ihrem Beichtvater das eben erzählte Erlebniß mitgetheilt hatte. Andere theilen den Vorfall so mit: Als die Frau durch die nur angelehnte Thüre in die hellerleuchtete Kirche trat, fand sie diese bereits von Leuten beiderlei Geschlechts überfüllt und die Communion im Gange. Ohne etwas Schlimmes zu ahnen, versuchte jetzt die Hermannsröderin durch den dichten Haufen nach dem Altare sich durchzuwinden. Doch in dem nämlichen Augenblick vertraten ihr einige Frauen den Weg; verwundert schaute die Bäuerin auf, um sich nach der Ursache dieses unfreundlichen Benehmens zu erkundigen. Allein Schrecken und Grauen erstickten ihr das Wort, dicht vor ihr standen zwei längst verstorbene Nachbarinnen, die ihr beide auf's deutlichste zu verstehen gaben, das Haus so schnell als möglich zu verlassen, was sie sich denn auch nicht zweimal heißen ließ. In der Thüre jedoch wurde sie noch von den ihr nacheilenden Geistern am Mantel ergriffen und dieser ihr in Fetzen vom Leibe gerissen. Die Fetzen fanden sich denn auch am andern Morgen an den Kreuzen einer großen Anzahl Gräber aufgehangen. Die Frau aber wäre, nachdem sie Alles ihrem Pfarrer geleichtet, am 9. Tage nach jenem Vorfall gestorben. //Quellen:// * //[[autor:wucke|C. L. Wucke]] - [[buch:werrasagen|Sagen der mittleren Werra nebst den angrenzenden Abhängen des Thüringer Waldes und der Rhön]], Salzungen 1864// ---- {{tag>sagen wucke werrasagen thüringen werra badsalzungen husenbadsalzungen husenkirche christmette hermannsroda schreck sterben spuk v1}}