[[sagen:vsfreiburg11|<<< zurück]] | **[[buch:vsfreiburg|Volkssagen der Stadt Freiburg im Breisgau]]** | [[sagen:vsfreiburg13|weiter >>>]] ====== Das Mädchenkreuz ====== Das Kreuz erglänzt, die Fahnen wallen,\\ Gen Himmel steigt des Weihrauchs Duft,\\ Drommeten schmettern, Hymnen schallen\\ Durch Frühlings klare Morgenluft.\\ Die Glocken schlagen laut zusammen,\\ Es braust der Orgel Lieder-Strom\\ Und mehr, denn hundert Kerzen flammen\\ Im hohen gottgeweihten [[kirche:muensterfreiburgbreisgau|Dom]].\\ Der Bischof mit den Silberhaaren\\ Erhebt sich segnend von dem Thron,\\ Sich kreuzend zieh’n die Beterschaaren\\ Vom Münster zur Prozession.\\ Schon wogt das Volk im Festes-Glanze\\ Durch’s hochgewölbte Münsterthor,\\ Zwölf Jungfrau’n zieh’n im Lilienkranze\\ Mit weißen Kleidern durch den Chor.\\ Was glänzet da so klar und helle,\\ So wunderbar, christallenrein,\\ An des Altares Marmorschwelle,\\ Geschmückt mit Gold und Edelstein?\\ Es ist ein Bild aus alten Tagen,\\ Von wem es ist? Man weiß es nicht,\\ Und nur in manchen Wundersagen\\ Erwähnung von dem Bild geschicht.\\ Es war vor vielen, vielen Jahren,\\ Noch hat der Glaube frisch geblüht;\\ Als Gott den frommen Christenschaaren\\ Das wundersame Bild beschied.\\ Ein Hirtenmädchen, fromm und reine\\ Einst Morgens auf dem Schloßberg saß,\\ Rings weidete im Sonnenscheine\\ Die Heerde durch das grüne Gras.\\ Da sah ihr Aug ein funkelnd Blitzen,\\ Noch ahnte sie nicht, was es war,\\ Doch heller ward im Gras das Glizen\\ Und wie Smaragd, so ward es klar.\\ Aus Wolken klang ein lieblich Singen,\\ Nicht war es ird’sche Melodei;\\ Mit zartgewebten Silberschwingen\\ Erhoben sich der Tauben zwei.\\ Das Mägdlein ging, um anzuschauen\\ Das Wunder; doch es bebt zurück,\\ Schnell eilt es von den grünen Auen\\ Verkündend all ihr Heil und Glück.\\ Ein Crucifix mit gold’nem Glanze,\\ Von ird’schen Meistern nicht gemacht,\\ Umblitzt von einem Strahlenkranze\\ Gewahrte sie in selt’ner Pracht.\\ Was klangen da so hell die Glocken\\ Vom nahen Münsterthurme her!\\ Was zog im jubelnden Frohlocken\\ Zum Berg hinan der Waller Heer!\\ Was wogten da so licht die Fahnen\\ Im Morgenduft und Sonnenschein!\\ Was mochte da ein frommes Ahnen\\ In jedes Gläub’gen Seele sein!\\ Vom Berg herab erklang ein Singen\\ Weit über Thal und grüne Au,\\ Und in den Lüften war ein Klingen,\\ Das drang bis in des Himmels Blau.\\ Der Priester hob die Goldmonstranze\\ Hoch segnend in der reinen Hand,\\ Und segnete im Morgenglanze\\ Vom Berg herab das weite Land.\\ Da scholl es, wie aus einem Munde:\\ „Gelobt sei unser Heiland Christ,\\ Zu dieser gnadenreichen Stunde,\\ Da solch ein Heil geschehen ist!“\\ Und unter Sang und Klang der Lieder\\ Zog man bei gold’nem Sonnenschein,\\ Mit Kreuz und Fahn’ zur Stadt darnieder,\\ Zum hohen Dome zog man ein.\\ Dort steht das Bild seit alten Zeiten,\\ Es brennt davor ein ewig Licht,\\ Woher es ist? Wer will es deuten?\\ Es sagt es selbst die Sage nicht.\\ Schon steht’s im Dom seit vielen Jahren;\\ Und weil’s ein Hirtenmädchen fand,\\ So ist’s dem Kreuze wiederfahren,\\ Daß man es „Mädchenkreuz“ genannt.\\ Und wird Prozession begangen,\\ Den Mädchen glänzt das Kreuz voran;\\ Drum zwölf bekränzte Jungfrau’n prangen,\\ Mit weißen Kleidern angethan.\\ Doch, wo man einst das Bild gefunden,\\ Da steht anjetzt ein Kreuz von Stein,\\ Vom einst’gen Wunder soll es kunden,\\ Der Welt soll es ein Denkmal sein!\\ //Quelle: [[autor:heinrichschreiber|Heinrich Schreiber]], [[buch:vsfreiburg|Die Volkssagen der Stadt Freiburg im Breisgau und ihrer Umgegend]], Druck und Verlag von Fr. Xav. Wangler, 1. Auflage von 1867// ---- {{tag>sagen georgkilianhalbmann vsfreiburg freiburgbreisgau muensterfreiburgbreisgau prozession jungfrau kruzifix steinkreuz v2}}