[[sagen:tss4110|<<< zurück]] | **[[capitel:tss4000|Die Sagen des Kiffhäusers und der Güldenen Aue...]]** | [[sagen:tss4112|weiter >>>]] ====== Das Brautpaar aus Tilleda ====== In [[geo:Tilleda]] wohnte ein armer, rechtschaffner Taglöhner, der hatte eine Tochter, die mit einem redlichen Jungen verlobt war, eben se arm, wie sie selbst. Zur Hochzeit, die am nächsten Tage bevorstand, waren einige Gäste geladen, aber das Brautpaar nahm mit Schrecken wahr, daß die kleine Küche an Löpfen, Tellern und Schüsseln nicht mehr enthalte, als gerade für eine Familie, und stand in großer Betrübniß, wußte auch keinen Rath. Der Vater aber sprach: Wißt ihr was? Geht auf den [[region:kyffhäuser|Kiffhäuser]], und borgt von der verzauberten Prinzessin. Es lag in diesen Worten eine trübe Wehmuth und ein bittrer Hohn über die drückende Armuth. Und die jungen Leutchen gingen wirklich miteinander auf den Kiffhäuser. Oben stand auch schon die Prinzessin, als hätte sie bereits gewartet, und grüßte freundlich. Nun waren sie auch gleich im Berg, sie wußten nicht wie, wurden gespeist und getränkt, und empfingen eine Menge nützlichen Hausrathes, Zeller, Schüsseln, Löffel, so viel sie nur tragen konnten, so daß sie ganz mühsam, als sie nun dankend die gütige Gabenspenderin verlassen hatten, wieder nach Tilleda mit ihren gefüllten Körben niederschritten. Sie waren so sehr mit sich selbst und ihrem nahen Glück beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkten, wie manches um sie her verändert war, bis sie im Orte selbst ankamen, und erschrocken standen, denn sie kannten ihn kaum wieder. Ihres Vaters Hütte war gar nicht mehr vorhanden, sondern an ihrer Stätte lag ein großer Acterhof. Eine Menge Leute sammelten sich um das Paar, in ganz anderer Tracht, lauter unbekannte, fremde Gesichter, die es eben so verwundert anstaunten, als jene selbst verwundert um sich blickten. Da schritt der Prediger durch die Menge, sah die beiden Leute, und befragte sie mit Theilnahme, wer sie seien, und woher sie kämen? Sie sagten ihm, daß sie ja erst vor wenigen Stunden auf den Kiffhäuser gegangen, und daß sie sich die Veränderung, die sie rings umher wahrnähmen, nicht zu erklären wüßten. Der Pastor nahm sie mit in seine Wohnung, und schlug im Kirchenbuch nach, da er denn fand, daß vor zwei hundert Jahren ein Brautpaar auf den Kiffhäuser gegangen und nicht wieder in den Ort zurückgekommen sei. Da weinten die so alt Gewordenen, und ließen sich von dem Pfarrer einsegnen, dann gingen sie auf den Kirchhof, wo die Genossen ihrer Zeit begraben lagen. Mit Scheu vermied das junge Geschlecht das greise Paar, und nach drei Tagen fand man auf dem Kirchhof ihre Leiber in Asche zerfallen. //Quellen:// * //[[autor:bechstein|Ludwig Bechstein]] - [[buch:tss|Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes]], Meiningen und Hildburghausen, 1857, Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung, Band IV S. 23-25// ---- {{tag>sagen bechstein tss v2a}}