[[sagen:tss3321|<<<]] | **[[capitel:tss3000|Sagen aus Thüringens Vorzeit, den drei Gleichen, dem Schneekopf und dem thüringischen Henneberg]]** | [[sagen:tss3323|>>>]] ====== Die Besessene in Albrechts ====== Im Sommer des Jahres 1621 hat sich mit des Schultheißen Tochter Osanna zu Albrechts etwas Seltsames und Denkwürdiges, begeben. Das sechzehnjährige Mädchen machte mit ihren Aeltern und Geschwistern Heu auf der Wiese, wurde unversehens krank und nach Hause geführt. Als sie zu Bette lag, kamen ihr am dritten Tage, Mittwochs, nach dem Unfall zwei bekannte Weiber vor, die ihr einen Apfel voller Würmer und Maden boten, darüber sie um Hülfe schrie und immer kränker wurde. Als sie darauf einmal in der Schnittärnte ganz allein zu Hause lag, weil die Feldarbeit Aeltern und Geschwister beschäftigte, hörte sie ein Platzen und Prasseln, als wenn das ganze Haus brennte, und die Kammer voll Reiter wäre, dann wurde sie bei den Beinen genommen, aus dem Bette geworfen und ihr ein Trank, der wie verbranntes Horn stank, eingegossen, ohne daß sie Jemand sah, der es gethan. Auch später glaubte sie wieder Unholden und böse Weiber zu sehen, die sie aus dem Bette hoben, herumwarfen, sie zerrten und schlugen, daß die Umstehenden es klatschen hörten, ohne etwas zu gewahren; sie wurde gewunden und gedreht, wie ein Braten am Spieß, und gezuckt, wie ein Garnstrang. Als sie die Weiber, die nur sie allein sah, nennen wollte, strich eine davon ihr über das Antlitz, daß sie verstummen mußte und acht Wochen lang nicht reden konnte, zugleich als das Weib von unten nach oben strich, erblindete Osanna auf zehn Wochen. Das währte bis zum Christabend, wo sie wieder etwas zu lallen begann. Am zweiten Christtag besuchte sie ein Geistlicher aus Suhl und sprach ihr zu, aus den 51. Psalm zu beten: Herr, thue meinen Mund auf etc; da kam ihr die Sprache völlig wieder und bald darauf wurde sie auch wieder sehend. Allein jene Weiber konnte sie doch nicht offenbaren, denn jedesmal, wenn sie es thun wollte, wurde ihr der Kopf gewaltsam herumgedreht, daß sie kein Wort hervorbringen konnte. Und währte des Mädchens erbärmliche Qual und Marter bis zum 28. Februar 1622. An diesem Tage wurden in Suhl 9 Hexen gerichtet. Gleichwohl hörte das Uebel nicht gänzlich auf; Osanna wurde noch öfters bei Tag und Nacht aus dem Bette geworfen, mit dem Haupt grimmig an die Wand gestoßen, Abends stundenlang gewunden und gedreht, daß 4 Personen an ihr zu halten hatten; dabei erlosch von selbst das Licht, kam auch einmal sammt dem Leuchter plötzlich hinweg und wurde Nirgends wieder gefunden. So ging das Unglück fort, wobei sie wieder ein Weib zu sehen vorgab, das sie grausam schlug und ihr die Nägel von den Fingern riß. Dieses Weib war der Hexerei verdächtig, wurde gefangen und in Meiningen verbrannt. An demselben Tag aber wurde Osanna Vormittag zwischen 10 und 11 Uhr, während das Urtheil an jener vollzogen wurde, noch 10 Mal unter Drohungen aus dem Bette geworfen. Alle diese Qual ertrug Osanna geduldig, obgleich sie so erschöpft war, daß sie weder gehen, noch stehen konnte, und man sie aus dem Bette heben und tragen mußte. Sie betete viel, las die Bibel öfters durch, und beschäftigte sich mit Nähen und Stricken, fertigte auch einen Umhang zum Laufstein in die Kirche ihres Orts. Später hatte sie öfter einen Traum, daß sie zu Gevatter gebeten, in die Kirche getragen, heraus aber gehen würde. Und da sie nun wirklich zu Gevatter gebeten wurde, trug sie ein großes Verlangen, in die Kirche zu kommen, die sie fast in 5 Jahren nicht gesehen, und hatte die gläubige Hoffnung und Zuversicht, es werde ihr Traum ausgehen. Und da ließen ihre Altern sie auf einen Karren bis zur Kirche fahren, dann trug sie ihr Vater hinein, seßte sie auf einen Stuhl vor den Altar, das Kindlein wurde ihr auf die Arme gegeben, und nach dem Gebet trug man sie auf dem Stuhl vor den Laufstein. Als der Geistliche nun zur Taufe schritt, und die Amme ihr das Kind wieder in die Arme gab, stand Osanna von ihrem Stuhl auf, hob das Kind, fiel nach vollbrachter Laufhandlung auf die Kniee, dankte Gott und ging aus der Kirche, trug auch das Pathchen selbst in ihres Gevatters Haus, daß sich Alles verwunderte. Auf Befragen sagte sie, es wäre ihr gewesen, als ob ihr alle Glieder knackten und eine Leichtigkeit sie ankäme, als wenn sich ihre Gelenke ohne Schmerzen wieder eingerichtet hätten. Da wäre sie im starken Glauben vor Freude vom Stuhl aufgefahren. Ihr hatte der Glaube geholfen. //Quellen:// * //[[autor:bechstein|Ludwig Bechstein]] - [[buch:tss|Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes]], Meiningen und Hildburghausen, 1857, Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung// ---- {{tag>sagen bechstein tss thüringen v0}}