[[sagen:tss3305|<<<]] | **[[capitel:tss3000|Sagen aus Thüringens Vorzeit, den drei Gleichen, dem Schneekopf und dem thüringischen Henneberg]]** | [[sagen:tss3307|>>>]] ====== Der Hechelkrämer ====== Es ist allbekannt und von glaubwürdigen Leuten bestätigt, daß sonst die Wahlen oder Venetianer das Thüringische Gebirg nach jeder Richtung durchstrichen haben in mancherlei Verkleidung, und sie haben auch vom Schneekopf und seiner Umgebung viel hinweggetragen, zumal da, wo man es noch die goldne Brücke nennt, die jetzt so seltnen Schneekopfskugeln, die außen unscheinbar und innen voll glänzender Krystalle sind. So lag auch in dem Hammergrunde, welcher sich nach dem Mordfleck hinaufzieht, wo einst im Bauernkrieg ein mörderlich Scharmützel vorfiel, eine Schneidemühle an der Ilm. In dieser kehrte alljährlich ein Wahle ein, welcher Handel mit Mäusefallen und Hecheln zu treiben vorgab; er kroch aber mehr im Walde umher, als daß er seinem Geschäft nachging, und Viele haben ihn gesehen, wie er Steine sammelte und Kies aus dem in die Ilm einfallenden Silberbach schöpfte. Als nun der Müller diesen Venetianer einmal fragte: Was er enn im Gebirge immer suche und treibe, antwortete jener mit dem bekannten Spruch: Bei euch zu Lande wirft mancher Hirt einen Stein nach der Kuh, der mehr als diese selbst werth ist. Ich suche mein Bestes. Der Müller schüttelte ungläubig den Kopf und ließ den Venetianer gewähren, zumal er nichts bei ihm fand, als Kiesel, Sand und unwerthes Gestein. So kam die Zeit, wo der Wahle für immer Urlaub von seinem Hauswirth nahm und sagte, daß er nimmer wiederkehren werde; doch wolle er seinen Namen aufschreiben, und wenn der Schneidemüller oder sein Sohn einmal in Unglück kämen, wolle er ihnen gern helfen. Diese Beiden lächelten und dachten bei sich, daß es so schlimm nicht kommen werde, daß sie sich brauchten um Hülfe nach Wälschland zu wenden. Jener schied, und es gingen Jahre hin, während der Zeit starb der Müller; der Sohn wollte sich verheirathen und hatte sich ein zwar armes, aber braves Mädchen erwählt. Da brannte die Mühle ab und der junge Mann kam in große Noth, denn die, denen er schuldig war, wollten bezahlt sein, und die, welche ihm schuldig waren, läugneten und weigerten, weil die Bücher und Papiere mit verbrannt waren. Nun war der arme junge Mann in harter Bedrängniß und konnte nicht mehr an das Heirathen denken, auch keine neue Mühle erbauen, denn es war Niemand, der ihm helfen und Geld vorstrecken wollte. Endlich dachte er an den Venetianer, aber leider war auch dessen Name nicht mehr vorhanden; dennoch machte er sich auf gut Glück, nachdem er Abschied von seiner Braut genommen, die ihn gar ungern ziehen ließ, auf den Weg, und kam nach langer Wanderung auch richtig in Venedig an. Dort mußte er aber sehr lange suchen, denn er wußte ja nicht einmal, ob jener auch wirklich in der Inselstadt wohne, da man alle fremde Berg- und Krystallgänger Venetianer zu nennen pflegte. Endlich fand sich ein Herr, der seine Klage anhörte, nachdem er durch die fremde Tracht des Thüringers aufmerksam geworden, dem klagte er sein Leid, und er hieß ihn folgen. Sie stiegen in eine Gondel und fuhren bis zu einem stattlichen Hause, wo der junge Herr den Thüringer Landsmann durch reiche Zimmer hindurch zu einem alten Herrn führte, welchem er einige Worte italienisch zuflüsterte. Sogleich brach der Alte in einen Ruf der Freude aus, und dieser war kein anderer, als jener Hechelkrämer nebst seinem Sohn, der von dem thüringischen Golde reich geworden war. Nun mußte der Thüringer mehre Wochen bei dem reichen Mann bleiben, der ihm Muth und Trost einsprach und ihn endlich, weil die Liebe ihn nach der Heimath lockte, so beschenkte, daß er sehr gut zurückreisen und seine Mühle wieder aufbauen konnte. Auch gab er ihm einen Ring mit einem köstlichen geschliffenen Stein darin, sagend, daß dieser Stein aus Thüringen stamme. Darauf zog Jener heim, baute die Mühle auf, heirathete, ward glücklich und erzählte jedem, der es hören wollte, vom Reichthum und der Pracht des Venetianers. //Quellen:// * //[[autor:bechstein|Ludwig Bechstein]] - [[buch:tss|Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes]], Meiningen und Hildburghausen, 1857, Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung// ---- {{tag>sagen bechstein tss thüringen v0}}