[[sagen:tss2347|<<< zurück]] | **[[capitel:tss2000|Sagen aus Thüringens Frühzeit, von Ohrdruf und dem Inselberge]]** | [[sagen:tss2349|weiter >>>]] ====== Der Schlangen-Beschwörer ====== Um den Silberbrunnen, der auch am Wartberg springt, lagerte die Heerde des Schmeerbacher Hirten, und dieser selbst hielt seine Mittagsruhe. Es war der goldene Sonntag, welches der erste Sonntag nach Pfingsten ist, und alles grünte und blühte maientlich rings umher. Da rauschte es in den Büschen, und ein Mann in wunderlicher Kleidung, ein Kesselchen auf dem Rücken und sonst allerlei Geräth tragend, trat aus dem Wald heraus auf die sonnige Trifft. Scharf schien die Sonne an einen nahen Felsen, und an ihm erblickte nun der Hirt eine früher noch nie bemerkte Oeffnung. Der Fremde nickte dem Hirten freundlich zu, und begann sein Wesen zu haben, zündete ein Feuer an, holte aus einem Säckchen mancherlei, Büchschen und Tüchelchen, schnitt vom Hasel eine Gabelgerte, schöpfte Wasser aus der Quelle, hing den kleinen Kessel über dem Feuer auf, und als alles gethan war, winkte er den Hirten nahe zu sich herbei. Hierauf zog er drei magische Kreise mit dem weißen Stab, den er in seinen Händen trug, brachte ein Pfeifchen hervor und pfiff auf sonderbare Weise. Da kamen allerlei Schlangen und Würme in großer Menge aus dem Gehölz und Gebüsch, zuletzt kam auch der Lindwurm, der pflanzte sich vor den Zauberer hin mit aufgesperrtem Rachen, alle Würme regten und ringelten sich, und der Beschwörer, der auch ein Venetianer war, zitterte sehr. Auf einer der hohen Ulmen, die die Waldestrifft umstanden, sah der Hirte eine überaus schöne, schneeweiße Schlange mit einer goldnen Krone, die schlängelte sich von dem Baum herab, kroch hin auf das Tuch, das der Beschwörer auf den Rasenteppich gebreitet hatte, und rasch sprang dieser hinzu, schlug das Tuch zusammen, nahm die Krone, barg sie in seinen Busen, tödtete den Lindwurm und spießte ihn am Boden fest. Hierauf pfiff er wieder, und alle Schlangen krochen aus den Kreisen heraus. Es gab damals noch sehr große Schlangen am Insels- und Wartberg, die waren alle dabei. Die gefangene weiße Schlange war die Otterkönigin, der Venetianer tödtete und zerstückte sie, und kochte die Stücke in seinem Kesselchen über dem Feuer. Als diese gesotten waren, lud er den Hirten ein, an dem Mahl von Schlangensuppe Theil zu nehmen, doch dieser weigerte sich beharrlich, bis er endlich auf eindringliches Zureden einen Löffel voll genoß. Nun wurden ihm die Augen hell, daß er sah, wie die Berghöhle sich ganz aufthat, die eitel voll Gold und Silber war. Beide nahmen davon, daß sie genug hatten, dann sagte der Venetianer zu dem Hirten: Hättest Du von dem Wurm selbst gegessen, so hättest Du immer wieder nehmen können, so viel Du gewollt, nun aber nicht. Besuche mich einmal in meiner Heimath. – Damit schenkte er dem Hirten ein Wünschtüchlein, packte seinen Kram zusammen und ging mit Schätzen schwer beladen von dannen. Einstmals wünschte sich der Hirte zum Venetianer hin und schwebte flugs über den Thürmen Venedigs. In einem Palast, vor welchem Wache steht, findet er seinen Mann, dieser führt ihn in seine Prunkzimmer, bewirthet ihn köstlich und beschenkt ihn mit manchem seltenen Kunstwerke, unter andern giebt er ihm ein kleines Kütschchen mit 6 Pferden bespannt, alles von gediegenem Gold, das lange bei des Hirten Familie blieb, bis es hernachmals in die Kunstkammer nach Gotha gekommen ist. //Quellen:// * //[[autor:bechstein|Ludwig Bechstein]] - [[buch:tss|Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes]], Meiningen und Hildburghausen, 1857, Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung, Band II S. 148-150// ---- {{tag>sagen bechstein tss thüringen v0}}