[[sagen:sagenschwaben334|<<< vorherige Sage]] | **[[capitel:sagenschwaben12|Kapitel 12]]** | [[sagen:sagenschwaben336a|nächste Sage >>>]] ====== Die heidnischen Bilder am Belsener Kirchlein ====== Am Fuße des Farrenbergs, mehrere Schuss weit außerhalb des Dorfes Belsen, liegt auf einem schönen, freien und erhobenen Platz das uralte Belsener Kirchlein. Hier sollen schon die Heiden in alten Zeiten ein Heiligtum gehabt und ihren Göttern daselbst geopfert haben. Auf dem freistehenden, oben ganz ebenen Farrenberg, dessen Hochfläche noch jetzt, indem sie rings umzännt wird, den ganzen Sommer als Viehweide dient, sollen die Opferfarren oder Stiere geweidet haben. Am östlichen Ende der Kirche, das jetzt mit einem neueren Chor umgeben ist, zeigt man auch noch einen hervorstehenden, durchlöcherten Stein, woselbst man die Farren beim Opfern festgebunden haben soll. An der Westseite, wo die Haupttür ist, mit einem vorgotischen (byzantinischen) Bogen, be­finden sich mehrere alte Bilder eingemauert. Zunächst ist in dem Bogen über der Tür ein Kreuz zu sehen, rechts daneben sieben zackige Kreise oder Sonnen. Unmittelbar auf dem Türbogen steht ein Stein mit einer zwergartigen, dicken, langarmigen Figur, vom Volk »der kleine Bel« (Beel) genannt. Im Giebel des alten Baus, der durch ein neueres Dach entstellt worden war, befindet sich wiederum ein Kreuz, aber größer als das untere. Unter diesem Giebelkreuz sind auf einem einzigen Stein zwei Widderköpfe, und zwar wie alle diese Bilder, in erhabener Arbeit dargestellt. Links daneben sind zwci Kreise oder Sonnen – eine größere und eine kleinere. Unmittelbar unter den Widderköpfen kommt eine zweite menschliche Figur, »der große Bel«, mit enganliegenden Armen und einwärts gekehrten Füßen. Das Bild ist wenigstens doppelt so groß als das des »kleinen Bel«. An der linken Seite des großen Bel ist ein Stierkopf eingemauert und unter demselben eine Sonne. An seiner rechten dagegen befinden sich auf einem gleichgroßen Stein zwei Tierköpfe, die man sonst wohl für Widder gehalten hat, die aber offenbar Schweinsköpfe sind. Sehr merkwürdig ist noch eine runde Öffnung an der Ostseite des alten Baues. Sie öffnet sich trichterförmig sowohl nach außen als auch nach dem Inneren der Kirche zu. In der Mitte der Mauer, wo diese zwei zusammenstehendcn Trichter den engsten Raum bilden, ist die Rundung des Steins schraubenartig geringelt. Wenn nun die Sonne zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche (am 22. März und am 22. September) ihre ersten Strahlen grad durch diese Öffnung in die Kirche wirft, so bildet sie in dem inneren Halbkreis der Westtür ein schönes, großes Lichtkreuz, ganz entsprechend dem steinernen Kreuz an der äußeren Seite. Es müssen aber die Fenster, die man erst in neuerer Zeit eingesetzt hat, verhängt werden, denn ursprünglich hatte die Kirche nur die noch vorhandenen ganz kleinen Fensterchen, sodass es nie hell darin wurde. Jenes Lichtkreuz hielt man sonst für eine bloße Sage. Neuere Versuche haben aber gezeigt, dass es seine volle Richtigkeit damit hat. Leider wird das Kreuz durch neugebaute Kirchstühle gestört und unterbrochen; aber sichtbar ist es an den beiden Jahrestagen immer noch, dauert aber ganz schön nur etwa eine Minute lang. Weit schwächer sieht man es auch schon die Tage vorher und nachher. An der Südseite der Kirche befindet sich ebenfalls eine Tür, aber klein und schmal. Auch hier sind in dem Halbkreis des Tür­bogens einige Sonnen ausgehauen. Dieser flache Stein mit den Sonnen an der West- wie an der Südtür ist heller, als alle übri­gen Steine des Gebäudes, ohne deshalb irgendwie jüngeren Ursprung zu verraten. Es ist vielmehr ein von Natur gelblicher Stein. Ganz in der Nähe der Kirche, hart an dem alten Weg, der auf den Farrenberg führt, hat man vor einigen Jahren auf einer Wiese einen schön ausgemauerten, mit Erde ausgefüllten Brunnen entdeckt, denselben aber leider nicht ausgegraben, sondern nur die Steine Schuh tief abgebrochen und in Belsen verbaut. Diese Steine sind von derselben Art wie die zur Kirche verwandten und finden sich in der Nähe nicht. Indes schon bei Rotenburg am Neckar sollen sie vorkommen. //Quelle: [[buch:sagenschwaben|Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben]], gesammelt von [[autor:ernstmeier|Dr. Ernst Meier]], Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852// ---- {{tag>sagen ernstmeier sagenschwaben schwaben v0}}