[[text:jahn412|<<< zurück]] | **[[capitel:jahn09|IX. Hexen und Zauberer]]** | [[sagen:jahn414|weiter >>>]] ====== Der Freischuß ====== Nach E. M. Arndt, Märchen u. Jugenderg. II. S. 332—339. Es giebt Jäger, die man Freischützen nennt. Vor ihnen haben alle andern Jäger ein Grauen, und sie fühlen sich, wenn sie mit ihnen zusammen auf der Jagd sind, in ihrer Gesellschaft wie behext, so daß ihnen entweder das Gewehr versagt oder sie nichts treffen können. Über die Art und Weise, wie man den Freischuß erlangt, erzählen die Leute folgendes. Nur Freischützen vermögen den Freischuß zu verleihen. Unter ihnen ist aber immer ein verborgener und geheimer Altmeister, den sie laden, wenn ein frischer, grüner Jägerbursch Freischütz werden will. Dieser Altmeister und zwei Freischützen, die den Neuling mitbringen, versammeln sich bei Mondschein im grünen Walde. Dort feiern sie ihre Einweihung nm die Mitternacht zwischen zwölf und eins. Der Jüngling wird splitterfasernackt hingestellt, damit sie ihn untersuchen, ob er einen Fehl habe; denn wer mit irgend einem Makel behaftet und nicht mehr Junggesell ist, mag nimmermehr Freischütz werden. Wenn er untadelig erfunden worden und sich rein bekannt hat, lassen sie ihn niederknien und halten greuliche Gebete und Beschwörungen über ihn, und er selbst muß ähnliche Gebete thun und schreckliche Gelübde und Flüche und Schwüre nachsprechen. Kann er dies nicht freien Mutes thun und giebt er sonst Zeichen von Furcht und Angst von sich, so geißeln sie ihn unbarmherzig bis aufs Blut und lassen ihn als einen Feigen und Untüchtigen laufen. Wenn nun der Altmeister und seine beiden Beisitzer die erste Vorbereitung gemacht haben, und wenn mit vielen heimlichen und entsetzlichen Worten und Gebärden die Beschwörung und Verlobung im Namen des Teufels geschehen ist, muß der junge Schütz sein Gewehr ordentlich laden. Darauf nehmen sie ein Tuch und binden ihm die Augen fest zu; drehen ihn dreimal im Kreise herum und sprechen abermals manche dunkle und greuliche Worte. Ist das geschehen, so hört er dreimal knallen mit dem Ausruf: "Schieß ihn!" und mit Andeutungen, als gelten ihm die Schüsse. Zittert er dabei oder zuckt aus Furcht nur einen Finger, so geißeln sie ihn bis aufs Blut und jagen ihn sogleich weg. Hat er jedoch auch dies tapfer bestanden, so wird ihm die Binde von den Augen genommen, und was sehen diese Augen dann? — An einem Baume sieht er eine Laterne hängen und unter der Laterne ein großes, weißes Kreuz, frisch in die Rinde gehauen. Dahin muß er unter scheußlichen Verfluchungen und Verwünschungen zielen und schießen, einmal und zweimal. Bei dem dritten Schuß aber, den er thun will, erscheint das Jesuskindlein an der Stelle, wo das Kreuz war, und lächelt ihm freundlich und holdselig zu. Gewinnt er es über sich und hat er auch diesen dritten Schuß, der nie fehlt, aus seinem Gewehr geschossen, so gehen die drei mit ihm zu dem Baum, und er muß das schöne Kind in seinem Blute liegen sehen. Die drei aber lachen und singen schändliche Lieder dazu, und er muß mitlachen und mitsingen. Fällt ihm da das Herz zusammen oder versagt ihm die Stimme, so wird er weggejagt. Hat er dagegen alle diese fürchterlichen Zeremonien ganz durchgemacht und bestanden, so ist er eilt rechter Freischütz geworden und besitzt die trefflichsten Jägergaben. Niemand kann ihm sein Gewehr behexen oder besprechen, und kein Gefrorner oder Behexter oder durch die siebenfache und siebenundsiebenzigfache Passauer-Kunst Gehärteter kann vor seiner Kugel bestehen. Alle vierundzwanzig Stunden hat er drei Freischüsse, d. h. er kann alle vierundzwanzig Stunden drei Stück Wildbret oder Geflügel — was er eben haben will — mit seinen drei Freischüssen fällen, ohne daß sie auf dem Felde oder im Walde sichtbar da sind. Denn die müssen kommen und fallen, so wie er sie in Gedanken auf's Korn nimmt, er schieße bei Tag oder Nacht, ins Weiße oder in die leere Luft. Ja wenn er in den Mond hinein zielte, so würden sie aus dem Monde herunter fallen. //Quelle: [[buch:jahn|Volkssagen aus Pommern und Rügen]], [[autor:ulrichjahn|Ulrich Jahn]], Stettin, Verlag von H. Dannenber, 1886// ---- {{tag>sagen ulrichjahn jahn jäger freischütz v0}}