[[sagen:hsw259|<<< vorherige Sage]] | **[[buch:hsw|Hessische Sagen]]** | [[sagen:hsw261|nächste Sage >>>]] ====== Die Sichel ====== Ein Eisenwaarenhändler fuhr durch Griesheim und bot u. a. auch Sicheln feil. Das war ein Instrument, welches die Griesheimer noch nie gesehen hatten. Der Schultes fragte verwundert, wozu das Ding denn diene? "Das ist ein Kornreißer," sagte der Kaufmann und verkaufte ihnen eine Sichel für schweres Geld, lehrte sie alsdann ganz umsonst, wie man den Kornreißer gebrauche und erwarb sich also vielen Dank. Weil der Schultes Schultes war, hielt er sich für den Gescheitesten im ganzen Ort und sprach, er wolle jetzt den Bürgern vormachen, wie sie mit der Sichel umzugehen hätten. Lud also die ganze Gemeinde aufs Feld, wo das Korn hoch stand und rief: "Jetzt faß ich mit der Hand das Korn und hau Au!" schrie er aber hinterdrein "der Kornreißer beißt, er hat mich in die Hand gebissen." Weil dieß von allen Griesheimern als eine Versündigunggegen die Obrigkeit angesehen wurde, faßten sie sofort den Entschluß, den Kornreißer zu bestrafen, griffen zu Bohnenstangen und schlugen auf ihn los, während sie ihn herzhaft ausschimpften. Aber da blieb die Sichel an einer Bohnenstange hängen, wurde damit in die Luft geschleudert und fiel einem Griesheimer Bürger auf den Nacken. "Ho" schrie der Schultes, "der Kornreißer will dem da den Hals abbeißen", faßte die Sichel beim Stiel, riß und ritsch fuhr sie dem braven Bürger durch den Hals. "Hab ich's nicht gesagt?" rief der Schultes und nahm die Beine auf den Rücken; die andern folgten seinem Beispiel. So blieb die Sichel auf dem Felde liegen und weiß keiner, was aus dem mörderischen Ding geworden ist. //Quellen:// * //[[autor:johanneswilhelmwolf|Johannes Wilhelm Wolf]], [[buch:hsw|Hessische Sagen]], Leipzig, 1853// ---- {{tag>sagen johanneswilhelmwolf hsw griesheim sichel v1}}