[[sagen:hsw234|<<< vorherige Sage]] | **[[buch:hsw|Hessische Sagen]]** | [[sagen:hsw236|nächste Sage >>>]] ====== Die Doppelehe des Rodensteiners ====== Einem Herrn von Rodenstein wurde die Zeit zu Hause allzu lang, wie das den großen Herren oft geht. Er nahm Abschied von seiner Frau und ging auf die Reise nach Jerusalem, wo die Türken das heilige Grab Jesu besitzen. Als er sah, wie dieselben die armen Pilger plagten, fing er Händel mit ihnen an und forderte mit einigen anderen Herren, die gleichen Sinnes wie er waren, sie zum Kampf heraus. Aber der Türken waren zu viel und er wurde gefangen und in Ketten ins Gefängnis geworfen. Da schmachtete er viele Jahre und glaubte schon, er werde bis zu seinem Ende nicht loskommen, als sich ihm plötzlich ein Weg zur Rettung bot. Die Tochter des Gefangenenwärters, welche ihm alle Tage sein Essen brachte, hatte ihn nach und nach so lieb gewonnen, dass sie eines Tages zu ihm sprach. »Ich kann nicht ohne dich leben. Wenn du mich also heiraten willst, dann fliehe ich mit dir in dein Vaterland. Willst du das nicht, dann behalte ich dich hier, bringe dir das Beste, was ich an Speise auftreiben kann, und sorge für dich, soviel in meinen Kräften steht.« Das war eine schwere Wahl für den Rodensteiner, jedoch er entschied sich doch bald, und zwar für die Flucht, denn er meinte nicht anders, als seine Frau sei wohl unterdessen gestorben vor Gram, weil er nicht zurückgekehrt sei. Wenn sie aber noch lebe, dann könne sich die Sache vielleicht noch machen. Keinesfalls werde sie es ihm übel nehmen, wenn er versuchen würde, aus der Gefangenschaft loszukommen. Er versprach ihr die Ehe und sie flohen heimlich aus dem Türkenland und kamen glücklich ins Reich und auf den Rodenstein. Da war aber die Frau des Ritters noch ganz gesund und frisch und der Gram hatte sie nicht sehr mager gemacht. Sie empfing ihren Eheherrn mit großer Freude, aber ais sie von der zweiten Frau hörte, da wusste sie doch lange nicht, was sie dazu sagen sollte. Endlich sprach sie, es sei ihr recht, wenn es dem Pfarrer recht sei, denn die Freude, ihren Mann wieder zu haben, war doch zu groß, als dass sie nicht in alles eingewilligt hätte. Der Pfarrer aber sagte, er könne das nicht zugeben ohne Erlaubnis vom Großherzog. Da hat er denn nach Darmstadt geschrieben und alles gemeldet, wie es war und der Großherzog hat wieder geschrieben, weil der Fall so sonderlich sei, wolle er es gestatten. Da wurde die Hochzeit unter großem Jubel gehalten und die beiden Frauen sind die besten Freundinnen geworden. Nach ihrem Tod wurden sie zu beiden Seiten ihres Mannes begraben, gerade so, wie sie noch auf Denkmal in der Kirche zu Fränkisch-Crumbach zu sehen sind. //Quellen:// * //[[autor:johanneswilhelmwolf|Johannes Wilhelm Wolf]], [[buch:hsw|Hessische Sagen]], Leipzig, 1853// ---- {{tag>sagen johanneswilhelmwolf hsw v0}}