[[sagen:hsw228|<<< vorherige Sage]] | **[[buch:hsw|Hessische Sagen]]** | [[sagen:hsw230|nächste Sage >>>]] ====== Lollus ====== Ein Mann hinterließ bei seinem Tod zwei Söhne und ein ziemliches Erbe. Der eine Sohn wurde ein Mönch, der andere ein Gasthalter. Der Letztere verheiratete sich und dachte nur daran, wie er bald reich werden könne. Der leichteste und kürzeste Weg dazu schien ihm der Betrug. Darum überforderte er seine Gäste, gab zu geringes Maß an Bier und Wein, stahl den Pferden den zugemessenen Hafer wieder aus der Krippe und was dergleichen Streiche mehr sind. Trotzdem hatte er aber keinen Segen, er kam vielmehr immer mehr zurück, statt vorwärts. Eines Tages besuchte ihn sein Bruder, der Mönch, und forderte das väterliche Erbteil heraus. Da bat der Wirt und flehte, er möge doch noch Geduld haben und warten, da er mit Frau und Kind eben in der größten Not stecke, ohne dass er doch wisse, wie das zugehe, denn er plage sich vom Morgen bis in die Nacht und verschmähe keine Art, Geld zu gewinnen, wenn es auch nicht immer dabei mit rechten Dingen zugehe. Da antwortete der Mönch: »Lieber Bruder, hältst du also Haus, dann ist es um deine Nahrung geschehen, denn du beherbergest einen Gast, welcher all das deine verzehrt. Wenn du ihn gerne sähest, so gehe mit mir in den Keller und ich will ihn dir zeigen.« Dies geschah. Im Keller sprach der Mönch seine Beschwörung und rief alsdann: »Lollus, gehe herzu!« Alsbald ließ sich hinten im Keller ein gräulich dickes, ungeheures Tier sehen, so feist, dass es nicht fortkommen konnte. Sprach der Mönch: »Ich meine, du hast eine gute Herberge gehabt«, und fuhr dann zu seinem Bruder gewandt fort: »Siehe, dies Tier hast du also mit deinem Betrug gemästet, denn was du den Leuten entzogen hast, das hat es verzehrt. Darum folge fortan meinem Rat und handle treulich und aufrichtig an den Leuten und übervorteile niemanden. Ich will alsdann noch vier Jahre mit der Teilung Geduld haben.« Diesem Rat folgte der Bruder und seine Nahrung nahm von Tag zu Tag zu. Nachdem die vier Jahre verstrichen waren, kam der Mönch wieder, um zu sehen, wie es um seinen Bruder stehe. Dieser empfing ihn fröhlichen Herzens, dankte ihm für den guten Rat und bat ihn alsdann, das Tier im Keller noch einmal zu beschwören und ihm noch einmal zu zeigen. Der Mönch tat das gern, aber das Tier war so mager und dürr geworden, dass es vor Mattigkeit kaum mehr fort konnte. Da sprach der Mönch: »Sieh lieber Bruder, dein Gast muss jetzt wandern und einen anderen Herrn suchen, denn hier kann er nicht länger bleiben. Fahre nun fort, wie bisher, jedem das Seine zu geben, dann kann der Segen für dich nicht ausbleiben.« //Quellen:// * //[[autor:johanneswilhelmwolf|Johannes Wilhelm Wolf]], [[buch:hsw|Hessische Sagen]], Leipzig, 1853// ---- {{tag>sagen johanneswilhelmwolf hsw v0}}