[[sagen:hsw119|<<< vorherige Sage]] | **[[buch:hsw|Hessische Sagen]]** | [[sagen:hsw121|nächste Sage >>>]] ====== Die Knodener Kunst ====== Allbekannt und weit berühmt war die Kunst der Bewohner des Dörfchens Knoden im Odenwald, welche unter anderem das Festmachen aus dem Grunde verstanden. Das zeigten sie schon im Dreißigjährigen Krieg an einem Trupp fremden Kriegsvolkes, der von ihnen erst festgezaubert und dann Bann für Bann totgeschossen wurde. Einen Offizier dabei, welcher hieb- und schussfest war, schlugen sie mit Stöcken tot und steckten dann seinen Kopf unter eine Brücke, an der von dem Tage an der Geist des Erschlagenen spukte. In den jüngsten Kriegszeiten wollte ein Trupp französischer Reiter das Örtchen plündern, da wurden sie von einem Knodener, Namens Rettig, so festgebannt, dass sie einen ganzen Tag lang im ärgsten Regen stillhalten mussten und sich nicht regen konnten. Als sie am Abend der Rettig wieder losband, machten sie, dass sie fortkamen. Ein Haupthexenmeister in Knoden war der Bitsch-Nickel. Zu dem sagte eines Tages der Pfarrer: »Hört mich, Bitsch-Nickel, ich bitte Euch um Eurer Seele willen, lasst doch ab von Eurem höllischen Treiben!« Der Bitsch-Nickel aber erwiderte, die Zauberei säße in der Maus seiner Hand und wäre nicht mehr herauszuschaffen. Weil er nun ein schöner, großer Bursche war, wurde er von den Preußen für teures Handgeld angeworben und in eine Festung unter die Garnison gesteckt. Als es ihm nicht mehr gefiel, desertierte er eines Abends. Der Kommandant aber, der auch etwas von der Zauberei verstand, tat es ihm an, dass er nicht fort konnte. Nachdem er die ganze Nacht gelaufen, stand er morgens früh wieder vor der Festung. Er verkroch sich den Tag über unter einen Faschinenhaufen. Die zweite Nacht ging es ihm wieder so, in der dritten aber siegte seine Zauberei und er kam nach Knoden. Die Preußen schickten ihm einen Korporal mit sechs Mann nach, die baten den Grafen von Schönberg um die Erlaubnis, den Deserteur einzufangen. Der Graf ließ ihn zu sich kommen, hielt ihm sein Vergehen vor, sagte aber, er wolle die Preußen zurückschicken. »Lasst sie nur kommen, Herr Graf!«, sprach der Bitsch-Nickel. Als sie den Abend wirklich kamen und ihn aus dem Bett holten, steckte er sich seine Pfeife an und ging mit zum Tal hinunter, bis sie an den großen Felsen kamen, den man den Hochstein nennt. Da sagte er ganz ruhig: »So, jetzt hab’ ich euch weit genug begleitet, ihr könnt hingehen, wo ihr hergekommen seid. Ich aber will wieder heim ins Bett!« Somit kehrte er um, die Preußen aber mussten immer fortmarschieren und konnten nicht einmal den Kopf nach ihm umwenden. Ein anderer Bauersmann in Knoden hatte ein Buch von der Knodener Kunst in der Stube auf dem Kammbrett liegen. Als er eines Tags im Feld war, kam ein Fremder in das Zimmer, nahm das Buch herunter und fing darin zu lesen an. Da kamen eine große Menge Raben geflogen, einer nach dem anderen zum Fenster herein, bis die ganze Stube voll war. Als aber der Bauer vom Feld aus die vielen Raben nach Hause fliegen sah, sprang er schnell nach Haus und hier sah er nun, was er angerichtet hatte. Rasch eilte er hinauf auf den Speicher, holte einen Kumpf Erbsen herunter und streute sie unter die Vögel. Dann nahm er dem anderen das Buch aus der Hand und fing an, alles, was derselbe gelesen hatte, wieder rückwärts zu lesen. Da flog ein Rabe nach dem anderen hinaus, bis alle fort waren. Die Knodener Kunst soll hauptsächlich aus dem 5. und 7. Buch Moses herstammen. //Quellen:// * //[[autor:johanneswilhelmwolf|Johannes Wilhelm Wolf]], [[buch:hsw|Hessische Sagen]], Leipzig, 1853// ---- {{tag>sagen johanneswilhelmwolf hsw v0}}