[[sagen:hsw086|<<< vorherige Sage]] | **[[buch:hsw|Hessische Sagen]]** | [[sagen:hsw088|nächste Sage >>>]] ====== Der Wildeweibchenstein ====== Nicht weit vom Rodenstein, mitten im Wald, liegt der sogenannte Wildeweibchenstein, eine an einem Berghang aus gewaltigen Granitblöcken aufgetürmte Felsenmasse. Auf einem der obersten Steine bemerkt man ein roh eingehauenes Kreuz und in der Mitte geht ein Spalt hinab, welcher den Eingang zu einer Höhle gebildet haben soll. In dieser Höhle wohnten vor Zeiten zwei wilde Weibchen. Eines von ihnen war sehr schön, sodass ein Jäger um seine Liebe warb. Bald schenkte es ihm ein gar holdseliges Knäbchen. Aber da war – man weiß, wie Jäger so sind – des Jägers Liebe alle und er kümmerte sich lange Jahre nicht mehr um das wilde Weibchen und vergaß es endlich ganz. Eines Tages kam er auf der Jagd an den Stein. Da er müde von der Jagd war, legte er sich darauf nieder, um auszuruhen und ließ ein Bein an dem Felsen herunterhängen. Indem kam das Knäbchen dahergesprungen. Er erkannte es natürlich nicht, wollte aber sehen, was das Kind da mache, denn er hatte seine Freude an ihm und dachte darüber nach, wie es dahinkomme und wem es gehöre. Damit es aber ganz ungestört sei, drückte er seine Augen halb zu, als ob er schliefe. Ein Weilchen drauf kam auch das Wildeweibchen und rief dem Knäbchen zu: »Kind, heb deinem Vater sein Bein auf!« Da erwachte plötzlich seine alte Liebe von Neuem, er sprang auf und drückte das wilde Weibchen an sein Herz, blieb ihm auch von da an treu zugetan. Die beiden Wildeweibchen sollen allerlei prophezeit und besonders mehrere Male geäußert haben: »Wenn die Bauern wüssten, zu was die wilden weißen Haiden und die wilden weißen Selben (Salbei) gut sind, dann könnten sie mit silbernen Karsten hacken.« Einmal wurde eins von den Bauern gefangen, da rief ihm das andere nach, es solle nur ja nicht sagen, wozu die wilden weißen Haiden und die wilden weißen Selben gut seien. Unweit des Wildeweibchensteins liegt die sogenannte Freiheit, ein aus einigen Gebäuden bestehendes ehemaliges freies Reichshaus, wie die Bauern melden. Da wurde vor langer Zeit einmal eine Hochzeit gehalten, auf der die wilden Weibchen erschienen, die Brautleute beschenkten und tanzten. //Quellen:// * //[[autor:johanneswilhelmwolf|Johannes Wilhelm Wolf]], [[buch:hsw|Hessische Sagen]], Leipzig, 1853// ---- {{tag>sagen johanneswilhelmwolf hsw v0}}