[[sagen:deutschemaerchenundsagen341|<<< vorherige Sage]] | **[[buch:deutschemaerchenundsagen|Deutsche Märchen und Sagen]]** | [[sagen:deutschemaerchenundsagen343|nächste Sage >>>]] ====== Ritt zum Hexentanz ====== Mündlich von Frau Courtmans. Auf einem Meierhofe in Ostflandern wohnte ein Mädchen, welches seine Arbeit immer besser und schneller verrichtete, als die andern. Das kam dem Bauer wunderlich vor, denn das Mädchen hatte auch außerdem so etwas Sonderbares in seinen Manieren, daß er nicht wußte, wie er mit ihm daran war; er hieß darum seinem Töchterchen, einmal eine Nacht bei der Magd zu schlafen, und wohl Acht zu geben, was sie vornehmen würde. Als das Töchterchen nun bei ihr im Bette lag, da sah es, wie sie gegen elf Uhr aufstand und zur Thüre, hinausging; aber, was dabei unerklärlich war, die Magd lag zu gleicher Zeit auch im Bette. Das Kind wurde bang und wollte sie wecken, aber sie lag wie todt und gab kein Lebenszeichen von sich. Das dauerte bis vier Uhr Morgens; da sah das Kind die Magd wieder zur Thüre hereinkommen und sich ins Bett legen; im selben Augenblicke verschwand die Gestalt, die bis dahin neben dem Kinde gelegen hatte, und gleich darauf erwachte die Magd. Da fragte das Töchterchen, wo sie gewesen sei und sie antwortete: "Das will ich dir die künftige Nacht zeigen, wenn du uns nicht verrathen willst;" und deß war das Kind gern zufrieden. In der nächsten Nacht gegen elf Uhr weckte die Magd das Töchterchen und beide gingen vorsichtig aus der Stube und in den Hof: da stand ein großer Hund und das Mädchen und das Kind setzten sich auf dessen Schwanz und der Hund rannte mit ihnen weg bis an ein großes Wasser, da sprang er hinein und schwamm über. Nachdem er noch eine kleine Strecke im Felde fortgelaufen war, fanden sich die Beiden plötzlich in einer großen Gesellschaft prächtig gekleideter Frauen, deren jede aussah wie eine Königin, und die tanzten und sangen zu der allerschönsten Musik, die man nur hören kann. Als das Kind das sah, rief es entzückt aus: "Herr Jesus, was ist das für eine Freude;" aber das war sein Unglück, denn im selben Augenblicke verschwand die ganze Gesellschaft und das Kind fand sich allein in der düstern Nacht auf einem öden Felde. Am andern Tage Morgens sprach es die Leute an, die vorbeikamen, und bat sie um ein Stückchen Brot, aber keiner verstand es, denn alle redeten eine ganz fremde Sprache. So saß das Kind den ganzen Tag bis Abends elf Uhr; da kamen all die schönen Frauen wieder und bald darauf auch die Magd auf des Hundes Schwanz. "Nun sprich diesen Abend nur kein Wort," sprach die Magd, "denn sonst ist es um dich geschehen, und man bricht dir den Nacken." Das gelobte das Kind gern, sah auch noch wunderbare Dinge in der Nacht. So wurde eine Frau zur Hexe geschlagen und das ging also zu. Man entkleidete sie ganz und gar und als das geschehen war, da traten Einige zu ihr mit langen Peitschen und geißelten sie, daß ihr das Blut den Leib herunterlief; das hielt sie auch ganz geduldig aus und verzog keine Miene dabei. Darnach faßten andre sie und warfen sie in eine große Bütte mit Wasser, wuschen und rieben sie, trockneten sie säuberlich ab und zogen ihr alsdann so schöne Kleider an, wie all die andern trugen; darauf tanzten sie allesammt, bis der Hahn krähte. Beim ersten Rufe desselben kam der Hund wieder und das Kind und das Mädchen setzten sich auf seinen Schwanz und ritten auf demselben Wege, den sie gekommen waren, nach Hause zurück. //Quellen:// * //[[autor:johanneswilhelmwolf|Johannes Wilhelm Wolf]], [[buch:deutschemaerchenundsagen|Deutsche Märchen und Sagen]], Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845// ---- {{tag>sagen johanneswilhelmwolf deutschemaerchenundsagen flandern v0}}