text:wasdieheimaterzaehlt155
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| - | ====== Das einsame Grab ====== | ||
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| - | Im südwestlichen Teile der sächsischen Lausitz liegt das liebliche Schmoliztal, | ||
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| - | Das feuerschnaubende Dampfroß bringt uns von Budißin bis an den Haltepunkt Demitz. Hier überspannt eine 18 Meter hohe und 230 Meter lange Steinbrücke das Tal der Schmoliza und das Dorf Demitz. Von dieser Brücke aus schweift der Blick durch die Fenster des Bahnwagens nach Norden hin über eine malerische Wiesenlandschaft. Unsere Augen erblicken das von fruchtbaren Obstgärten umgebene Dörfchen Thumitz mit seinen stattlichen Rittergutsgebäuden und mit dem schmücken Schloß, das von herrlichen Bäumen, einer großen Eiche, zwei gewaltigen Ahornbäumen und von einem großen Kastanienbaume gleichsam schützend umgeben wird. Im Hintergrunde von Thumitz erblicken wir die Dörfer Pohla, Wölkau, Stacha und Cannewitz. Von Norden her grüßen die Gebäude des Rittergutes Rothnauslitz aus zartem Laubgrün zu uns herüber. Vor uns breitet sich ein großer Teil des stillen, durch Laubhölzer so herrlich geschmückten Schmolizatales aus, das demjenigen, dessen Geschmack nicht durch die Sucht nach großartigen [368] Felsen-, Wald- und Berggebilden abgestumpft wurde, ein süßes Wohlbehagen bereitet, welches ihm die Gegend schön finden läßt. Sie gleicht sehr einer der vielen Thüringer Partien, die durch ihre Anmut das Herz mit stillem Entzücken erfüllen. | ||
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| - | Vom Bahnhofe Demitz-Thumitz aus kommen wir in zehn Minuten an das Rittergut Thumitz. Wir treten ein in den großen Obstgarten, den gutgehaltene Kieswege durchschneiden. Wohlgepflegte Taxushecken mit Pyramiden und lauschige Lauben erfreuen das Auge. Im westlichen Teile dieses Gartens befindet sich, unter schönen Trauereschen versteckt, hinter dem großen Stallgebäude ein einsames Grab. Ein grünbesetzter Grabhügel läuft von Süden nach Norden. Am Südende dieses Hügels steht auf einem Unterbau von Granitsteinen ein schlichtes Denkmal aus Sandstein. Aus einer quadratischen Sandsteinplatte erhebt sich eine abgebrochene Säule mit grauweißem Anstrich. Das Grabdenkmal ist gegen 2 Meter hoch und trägt auf der Nordseite folgende Inschrift: | ||
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| - | Hier ruhet die Asche\\ | ||
| - | von\\ | ||
| - | Wilhelm Waldeck,\\ | ||
| - | der als Hauptmann im vormal. westphälischen Heere in einem Gefecht am 23. September 1813 einen frühen Tod fand, geliebt von Allen, die ihm nahe standen.\\ | ||
| - | Diesen Stein setzte seine trauernde Mutter, deren Tränen nach 12 Jahren noch nicht versiegt waren.“\\ | ||
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| - | Nach Errichtung dieses Denkmales wurde alljährlich an den Besitzer des Rittergutes Thumitz ein Dukaten gesandt, den derselbe seinem Jäger für Instandhaltung des einsamen Grabes übergab. Als diese Geldsendung nach einer Reihe von Jahren ausblieb, konnte man wohl annehmen, daß die trauernde Mutter diese Welt verlassen und mit ihrem auf fremder Flur begrabenen Sohne vereinigt worden sei. Das Grab des Wilhelm Waldeck ist aber durch den Tod der trauernden Mutter nicht verfallen. Es wird heute noch wie ehedem gepflegt. | ||
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| - | Ueber die Entstehung schreibt der Lehrer em. Johann Traugott Mutschink in Demitz-Thumitz in der belletristischen Beilage zum sächs. Erzähler vom 15. Februar 1902 wörtlich folgendes: | ||
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| - | „Ein in Thumitz damals lebender Augenzeuge hat mir einige Notizen über den einsamen Schläfer gegeben und über Ereignisse, die sein Ende herbeiführten. | ||
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| - | Napoleon hatte in Schlesien immer mehr Terrain verloren, seine Herrschaft war dort als beendet anzusehen, als auch die letzten französischen Truppen daraus vertrieben und nach Sachsen verdrängt worden waren. Blücher rückte mit der verbündeten russisch-preußischen Armee immer weiter nach Budißin und einzelne Heeresabteilungen noch weiter bis Pulsnitz und seitwärts Bischofswerda’s vor. In der Nähe von Neustadt standen die Oesterreicher, | ||
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| - | Die ankommenden Feinde fanden noch einen Backofen voll frischen Brotes, das sie sich ohne weiteres aneigneten. – | ||
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| - | Der Führer der westphälischen Infanterie, welcher diesen französischen Vortrab befehligte, ritt einen Schimmel und war der Hauptmann Wilhelm Waldeck. Kaum waren sie hinter den Gebäuden des Rittergutes angekommen, als man einzelne Schüsse vernahm, die von den im Gebüsch versteckten Russen kamen und von den Westphalen Erwiderung fanden. Nur wenige Schüsse waren gewechselt worden, als der Schimmel sich bäumte, seinen Reiter abwarf und durch Fortgallopieren bald unsichtbar wurde. Der Hauptmann Waldeck war zu Tode getroffen vom Pferde gesunken und hauchte, umgeben von seinen Leuten, sein Leben aus. Dann brachten sie ihn in den Rittergutshof und baten um einen stillen Platz zum Begräbnis für den geliebten Vorgesetzten, | ||
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| - | In eine zum Sarg umgewandelte Krippe wurde der Gefallene gelegt und dort beerdigt, wo sich jetzt das oben beschriebene Denkmal erhebt. | ||
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| - | Nach einem nur kurzen Gefechte verließen die französischen Truppen und auch die Westphalen die hiesige Gegend für immer; doch hatten die letzteren das versteckte Vieh der Thumitzer (man sagt durch Verrat) ausgekundschaftet und als gute Beute mit fortgenommen. | ||
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| - | Möge Gott unser Land vor ähnlichen Kriegsereignissen gnädiglich bewahren und besonders unser deutsches Vaterland vor einer solchen Schmach behüten, daß Deutsche gegen ihre eignen Sprachgenossen auf den Befehl eines fremden Machthabers kämpfen müssen. Das „einsame Grab“ erinnert an eine solche Schmach und an vielfach damals geschlagene Wunden. Doch die alles heilende Zeit hat die Wunden vernarbt, und die Segnungen unseres reichen Gottes haben auf unseren Fluren alle Spuren jenes Krieges verwischt.“ | ||
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