text:hsw-vorrede
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| ====== Vorrede ====== | ====== Vorrede ====== | ||
| + | Da wir tranken unsern Trank,\\ | ||
| + | Da wir sungen unsern Gesang,\\ | ||
| + | Und uns kleidten mit unserm Gewand,\\ | ||
| + | Da stund es wohl in unserm Land.\\ | ||
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| + | So klagte das Sprichwort schon zur Zeit des alten Winckelmann und wir fühlen täglich mehr, dasz es ein Wahrwort ist. Singen und Sagen aber ist von jeher lebendig und unauflöslich verbunden, und wo es nicht mehr mundet, da schmeckt auch der alte Trank nicht mehr, da stirbt das ganze alte Gewand des Volkslebens ab. Was unsere Alten mit Recht unser nannten, das ist uns fremd geworden, das Fremde aber nennen wir unser und nicht zu unserm Heil, denn frommen kann uns nicht das unserm tiefsten Wesen Uneigene, das Aufgepfropfte, | ||
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| + | Hundertmal ist es ausgesprochen und es kann nicht genug wiederholt werden, (denn das Lächeln der Halbgebildeten über das Gut des Volkes wird nicht so bald weichen) dasz diese That nur dadurch möglich wurde, dasz eben dies Gut, dasz unser Singen und Sagen wieder zu Ehren kam. Ohne die Wiedererfindung unserer Märchen, Sagen, Bräuche, Lieder u. s. w. wäre sie unmöglich gewesen. Es ist leicht, zu verachten, was man nicht kennt, ebenso wohlfeil das gering zu schätzen, was man zwar kennt, aber nicht versteht: so ging es durchschnittlich allen vor den Grimm. Als sie aber, unser Auge dem Alterthum öffneten, als sie sammelnd vorangingen, | ||
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| + | Sie hoben die Erkenntnisz des Tiefen und Sinnigen, was in unserm Volke lebt, sie luden Arm und Reich und Jung und Alt und Grosz und Klein an eine und dieselbe Tafel, zu einer und derselben Kost, sie halfen den alten, fast erstorbenen Gemeinsinn wieder mehr wecken, sie waren ein Mittelpunkt, | ||
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| + | Haben sie solche Macht und diese wäre in vielen andern Beziehungen nachzuweisen leicht, wenn nicht die engen Grenzen der Vorrede mir Schranken zögen schon in ihrer natürlichen Gestalt auf jedes nicht ganz erkaltete Gemüth, dann wächst diese Macht noch an Bedeutung, sobald wir sie des Gewandes entkleiden, welches die Jahrhunderte schützend um sie gewoben haben und sie in ihrem alten Kern schauen. Da wird aus jedem dieser buntfarbigen Bilder ein ehrfurchtgebietendes ernstes Denkmal alter Germanenherrlichkeit, | ||
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| + | Es ist darum wohl eine Pflicht für jeden, der da kann, an dem Aufbau des von beiden Grimm begonnenen Werkes rüstig mitzuwirken. Die Erkenntnisz dieser Pflicht macht sich Bahn und es ist eine herzerfreuende Wahrnehmung, | ||
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| + | Auch dies Buch soll neue Bausteine bringen. Der Boden, aus dem sie gebrochen sind, hat sich durch die Grimm einen classischen Ruf erworben. Bei dem Namen Hessen denkt man ja sogleich an die brave Viehmännin, | ||
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| + | Dadurch waren der Sage eine Menge von Anhaltspunkten genommen, deren beraubt sie ihr Leben kaum mehr fristen konnte. Kaum war dieser Sturm für sie vorüber, da brauste der dreiszigjährige Krieg verheerend durch diese Gegenden und risz nieder, was die Neuerung geschont; er schwemmte aus einzelnen Strecken ganze Bevölkerungen weg, an deren Stelle neue Ansiedler aus der Ferne einzogen und so ging abermals eine Masse von Ueberlieferungen unrettbar verloren. Dann kamen am Rhein die französischen Nachbarn und legten Städte und Dörfer, Burgen und Klöster in Asche, und kaum hatte sich die Bevölkerung von den schweren Kriegsleiden erholt, da kehrten sie als Revolutionsmänner zurück. Nicht genug damit, der Rationalismus und die mit ihm Hand in Hand gehende Verwilderung und Verkommenheit fegte zuletzt allen Rest von Poesie aus den Herzen weg, oder diese wurden stumpf gegen sie; das alte, frische, fromme und fröhliche Volksleben war in seinen Wurzeln angegriffen und starb fast ganz aus. Es stimmt zu traurigen Betrachtungen, | ||
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| + | Es versteht sich von selbst, dasz dies Buch auf Vollständigkeit nicht den entferntesten Anspruch macht und Niemand mehr als mich wird es freuen, wenn bald reiche Nachträge zu ihm erscheinen. Es wurde vor etwa fünf Jahren zugleich mit der Sammlung deutscher Hausmärchen angelegt und wie bei diesen, so hatte ich auch bei ihm Wilhelm von Ploennies als treuen und eifrigen Freund zur Seite, der besonders den Soldatenmund ausbeutete.((Von ihm sind die Nummern 3 , 35 , 47 , 49 , 50 , 52 , 76 , 77 , 78 , 82 , 89 , 92 , 93 , 95-99 , 101 , 105 , 107–114 , 118 , 119 , 120 , 122 , 123 , 133-136 , 144 , 145 , 156 , 158 , 166 , 167 , 176 , 185 , 199 , 200 , 201 , im Ganzen 48 Sagen.)) Bald aber führte ich die Sammlung allein fort und da waren es vor allen die Herren Prof. Phil. Dieffenbach in Friedberg und Prof. Weigand in Gießen, welche mir auf die freundlichste Weise dabei an die Hand gingen. Ihnen, wie Herrn Pfr. Oeser in Lindheim und Erdmann in Gelnhaar, und Herrn Cand. Stock in Darmstadt, denen ich gleichfalls manchen Beitrag danke, und den Herren Geheimrath Dr. Feder und Dr. Walter, die mir die reiche Bibliothek in Darmstadt, so wie die Privatbibliothek Seiner königlichen Hoheit des Groszherzogs bereitwilligst zu benutzen anheim- gaben und mir dabei mit Rath und That hülfreich waren, spreche ich meinen besten Dank aus. Was ich aus dem Großherzogthum bringe, ist fast alles aus dem Volksmund. Gedrucktes nahm ich in der Regel nur dann auf, wenn es noch weniger bekannt war; alles durch die Grimmsche Sammlung oder durch poetische Bearbeitung in weitern Kreisen Verbreitete blieb streng ausgeschlossen; | ||
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| + | Boden noch ein altes Wuotansbild bergen soll. Fällt es überhaupt schwer, jetzt noch Nachrichten genauerer Art von den alten Göttern beizubringen, | ||
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| + | Es folgen zunächst die Umzüge der Götter, vor allen des wilden Jägers und Heervaters Wuotan. Wie wenig ist davon zu melden, während Meier uns lich aus Schwaben Dutzende von Sagen darüber brachte! Doch tritt als bedeutsam 25 hervor, die uns sagt, daß die nordische Sage von der todtenerweckenden Hilde mit ihrem noch älteren Grunde, dem eddischen Mythus von den vom Tod erstehenden Einherien auch hier bekannt war, wie denn auch die Wirthschaft in der Küche (24) und das Mahl vor der Jagd (23) für das Treiben in Valhöll bezeichnend sind. Dem Reiter Wuotan schlieszt sich (27) der fahrende Donar an, oft vereinigt ein Wagen die beiden Götter (28) meist aber fährt der Donnerer allein und zwar zur altheiligen Zeit des Advents (33). Einmal finden wir auch Wuotan fahrend (34) und dem Gespann fehlt die göttliche Farbe nicht. | ||
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| + | Zahlreicher sind schon die Sagen von den weißen Frauen, die hier wie allerorts der Erlösung vergebens harren. Die erste, von der Ausführlicheres berichtet wird, führt den Mann in einen Keller, wo nicht Schätze, sondern Weinfässer liegen. Sie zeigt uns den Uebergang von der Göttin Holda ', die als Schaffnerin im Kyffhäuser bei dem verzauberten Kaiser, dem alten Gott sitzt, zu den eigentlichen weiszen Frauen, die durch Kusz und Hebung des Schatzes erlöst werden. In 40-50 finden wir die weiße oder goldgelbe Blume und die Schlüssel vertreten, die folgenden bis 62 zeigen diese Frauen in mannichfachen andern Gestalten, in denen wir sie bis jetzt weniger kannten, zuletzt in der Zwei- und Dreizahl. Merkwürdig sind die Männer in 63 und 64, die ganz die Rolle weiszer Frauen spielen. Der weisze Mann in Herbstein wird auf einer Heiligensage beruhen, in welcher der alte Patron des Ortes sein Amt übt und die in Folge der Reformation unterging. In 66 haben wir den Uebergang zu den Riesen, deren letzter (74) vor den Zwergen flieht und dadurch zu diesen den Weg bahnt, so wie zu den ihnen verwandten Hausgeistern, | ||
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| + | Ihm verwandt sind Schlange und Unke (194) und damit stehen wir an den Thieren, besonders den weisenden, mit welchen sich 196 und 197 beschäftigen. So in das Naturleben eingetreten, | ||
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| + | Die Zahl des neu Ersonnenen ist gering und kaum anzuschlagen, | ||
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| + | Der Rest sind Sagen verschiedenen Inhalts, ein Nachtrag und eine arme Handvoll Legenden schlieszt die Sammlung. | ||
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| + | In den Anmerkungen habe ich selbstverständlich keine erschöpfende Kritik üben, oder alle den mitgetheilten Sagen verwandten zusammenstellen wollen; nur ein paarmal erging ich mich ausführlicher. Sie sollen nur andeutende Winke geben, ein tieferes Eingehen auf den Stoff hebe ich für den zweiten Band meiner Beiträge zur deutschen Mythologie auf. Mancher wird diese Anmerkungen nicht lesen wollen, für ihn habe ich im Register bei den einzelnen Gruppen von Sagen Nachweisung gegeben, wo er sich über deren Inhalt und Bedeutung vorläufig näher unterrichten kann. Vielleicht fühlt sich der eine oder der andere dann aufgefordert diesen Dingen weiter nachzugehn und in die vollen Schatzkammern der Grimmschen Forschungen zu greifen, und das wäre mein schönster Lohn. | ||
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| + | Jugenheim am 20. Januar 1853 | ||
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